Krankenschwester Antje Kramer (37) ist Deutschlands schnellste Bikerin.
Auf dem Weg an die Spitze verbrachte sie selbst schon viel Zeit im Gipsraum.


Sie steht da oben und weiß, dass es Wahnsinn ist. Sie schiebt den Helm zurecht, dabei sollte sie im Bett liegen. Sie versucht konzentriert zu atmen, spürt aber schon dabei Schmerzen. „Eine Minute noch bis zum Start“, ruft ihr der Mann an der Zeitmessung zu. Vorgestern Abend ist sie ins thüringische Steinach gekommen, zum zweiten Lauf des IXS-Cup. Um sich das Rennen anzuschauen. Zumindest hatten ihr das die Ärzte geraten, die sie am selben Tag aus dem Krankenhaus entlassen hatten. Die ihr den Bauch punktiert hatten, nachdem sie beim Worldcup in Willingen mit voller Wucht in einen Steinhaufen gekracht war. Die ihr dringend empfahlen, die gebrochene Rippe in Ruhe ausheilen zu lassen. Die ihr vor ein paar Tagen noch mal eineinhalb Liter Blut aus dem Bauch pumpen mussten und einen Drainage-Schlauch gelegt haben, um den inneren Erguss endlich zu stoppen. Schmerzen wie bei einer Entbindung habe sie durchlitten, sagt sie.

Nun steht sie auf der Startrampe und wird gleich Vollgas über die halsbrecherische Strecke rasen. Zum Schutz der frischen Narbe trägt sie ein Geschirrtuch unter dem Brustpanzer. Sie, Antje Kramer (37), Deutsche Meisterin im Downhill, im richtigen Leben Krankenschwester. „Ich wollte wirklich nur zuschauen. Aber als ich hier war, musste ich einfach fahren. Es war, als hätte sich in mir ein Schalter umgelegt“, versucht sie eine Erklärung. Dabei hat sie für ihr Draufgängertum selbst keine. Denn ihre Leidenschaft für Downhill hat sich dem Zugriff des nüchternen Verstands schon lange entzogen.

Antje Kramer ist die schnellste Bikerin Deutschlands. Dreimal in Folge schon stand sie bei der nationalen Meisterschaft ganz oben auf dem Podium. Eine Karriere, die so ungewöhnlich wie schmerzhaft verlief. Unzählig oft endeten ihre Rennen in der Chirurgie. Doch jeder Sturz kurbelte den Ehrgeiz der Krankenschwester weiter an. Den Ehrgeiz, endlich den perfekten Lauf zu schaffen. Schnell, effektiv, fehlerfrei. Dabei hatte Sport lange Zeit nur einen untergeordneten Stellenwert für sie. Bis zu jenem Tag im Herbst 1999. Beim Ruhrpottkanakencup versuchte Antje ihre erste Talfahrt mit dem Bike. Ihr damaliger Freund hatte sie überredet. „Ich fand die Downhill-Szene total klasse. Alles war so familiär, witzig und verrückt. Man hatte sofort das Gefühl, dazuzugehören“, erinnert sie sich. Beim Playerscup in Bischofsmais startete sie im Jahr darauf den zweiten Versuch. Vier Stürze allein im Finallauf, am Ende aber trotzdem Platz zwei in der Hobby-Wertung. Ab diesem Wochenende hätte sie daheim nur noch Videos von Downhill-Worldcups geschaut, sagt sie. Und sich dabei immer wieder eingeredet, dass sie das doch eigentlich auch können müsse. „Man schätzt sich ja immer so falsch ein“, lacht sie heute über ihre Naivität. „Aber ich spürte, dass ich noch richtig viel erreichen kann.“ Da war sie 31 Jahre alt.

Das Geschirrtuch drückt auf der Narbe. Beim Atmen schmerzt die gebrochene Rippe. Der Mann an der Zeitmessung gibt Antje das Startsignal zum Qualifikationslauf. Also rein in die erste Kompression und die schnelle Schotterkurve. Dann weiter ins Waldstück, wo sie beim Training böse im Sprunghügel „eingekratert“ ist, wie sie das selbst nennt. Wegen der Narbe wählt sie diesmal den weniger gefährlichen Chickenway. Zuschauer, Absperrbänder und Bäume fliegen als bunter Fetzen an ihr vorbei. Noch ein paar enge Kurven, dann durchschneidet ihr Vorderrad die Lichtschranke unterm Zielbanner. 2:35 Minuten für den 1 450 Meter langen Hindernis-Parcours – ein mörderischer 37er-Schnitt in der Falllinie. Bestzeit. „Ohne diese schrecklichen Chickenways wäre ich noch sechs bis acht Sekunden schneller gewesen“, schnauft Antje, reißt sich den Helm vom Kopf und schlurft zufrieden ins Fahrerlager zu ihrem Ford Transit. Wenn nur diese Schmerzen nicht wären.

Für das Leben am Limit hat Antje einen hohen Preis bezahlt. Fast alles ist in den Schatten gerückt, was nicht mit Downhill zu tun hat. Sie wollte nach ganz oben. Also musste sie sich entscheiden zwischen Normalität und dem Streben nach ständiger Optimierung. Und tat das radikal. Übt lieber Fahrtechnik, als sich mit Freunden zum Kaffee zu treffen. Schwitzt beim Gucken ihrer Lieblingsserie „CSI Miami“ auf der Rolle, statt sich auf dem Sofa zu entspannen. Gibt ihr gesamtes Geld für Rennen aus. Opfert jeden Urlaubstag. Alles dreht sich nur noch um Downhill. In ihre Küche hat sie einen Bike-Rahmen gehängt, an den Umkleidespind im Krankenhaus ihr Lebensmotto: „Home is, where your trail is.“ Nach zahlreichen Knochen ist inzwischen auch ihre Ehe in die Brüche gegangen. Reisestress und Verletzungen waren zu viel für die Beziehung. „Vieles ist auf der Strecke geblieben“, sagt sie rückblickend. Nur nicht ihre Downhill-Leidenschaft. Als sie nach der Trennung in eine kleinere Wohnung am Bochumer Stadtrand zog, hängte sie sich als erstes ein Poster von Szene-Star Cedric Gracia übers Bett. Im Grunde genommen ist Antje Kramer eine ganz normale Frau. Sanfte Stimme, dezenter Lidschatten, Deko-Artikel am Küchenfenster. Doch genau das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass sie sich so weit in den Grenzbereich wagt. In die rote Zone, in der sich fast nur Männer bewegen. Nur wenige Frauen fahren Downhill-Rennen. Es habe lange gedauert, um von den männlichen Kollegen respektiert zu werden, erzählt sie. „Als ich vor zwei Jahren beim Training in Tabarz den Zehn-Meter-Double gesprungen bin, haben die Männer vor mir gekniet“, lacht sie stolz. Leider knieten im Finale kurz darauf die Sanitäter neben ihr, nachdem sie ein paar Zentimeter zu kurz und schließlich auf dem Kopf aufgekommen war. Sieben Minuten lag sie da ohne Bewusstsein. Der Notarzt vermutete eine schlimme Schädelverletzung, was sich zum Glück nicht bestätigte. Trotzdem ging sie am nächsten Tag zum Schichtdienst ins Krankenhaus. Die Kollegen sollten wegen ihres selbst herausgeforderten Risikos nicht auch noch für sie mitarbeiten. Mit abgerissenem Schlüsselbein, zerfetzten Außenbändern und zerschmettertem Schulterblatt hätte sie sich schon durch den Dienst gequält, sagt sie. Und nur einmal krankmachen müssen, nachdem sie sich bei einem Rennen beide Hände gleichzeitig gebrochen hatte. Nicht mal den Hintern hätte sie sich allein abwischen können. Vor allem aber vier Wochen lang nicht trainieren. „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens“, sagt sie.


Über das Warum und Wieso hat Antje schon oft gegrübelt. Erst jetzt wieder, nachdem sich Deutschlands erfolgreichster Downhiller Markus Klausmann beim Training den siebenten und achten Halswirbel brach. Um Geld gehe es jedenfalls nicht, betont Antje. Wie auch? Knapp 300 Euro zahlt sie vom privaten Konto für jedes Rennwochenende. Selbst wenn sie gewinnt bekommt sie im Schnitt aber nur 120 Euro Siegprämie. Wofür also dann? „Downhill ist mein Leben. Ich lebe dafür, irgendwann einmal den perfekten Lauf zu fahren. Für Außenstehende ist das natürlich schwer zu verstehen. Für mich ist das aber gerade die geilste Zeit meines Lebens“, sagt sie. Es ist kein Kampf gegen die Konkurrenz, den sie führt. Es ist ein Kampf gegen ihre eigenen Schwächen. Beim Worldcup in Willingen war sie schon ganz nah dran, am perfekten Lauf. In der Qualifikation raste sie sensationell auf Platz neun. Nun erinnert sie das Geschirrtuch an die Zehntelsekunde Unaufmerksamkeit, als sie im Finale mit vollem Speed etwas zu schräg in das Steinfeld sprang.

Antje steht wieder auf der Startrampe. Beim Finallauf muss nun alles passen. Unzählige Mal ist sie die Strecke abgelaufen. Immer wieder hat sie die Schlüsselstellen probiert, die perfekte Linie gesucht. Doch die kann sie nicht nehmen, wenn sie unnötiges Risiko vermeiden will. 2:21 Minuten registriert die Lichtschranke. Platz zwei, trotz des Handicaps. Da ist es wieder, das Glücksgefühl, das alle Schmerzen vergessen lässt.

Bilder: Urban Zintel

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