Mal Spitze, mal in der Versenkung: Wolfram Kurschat ist das große Mysterium des Cross-Country-Sports. in Peking könnte er vorne mitmischen, doch die Olympia-Teilnahme wackelt noch. Zu Besuch bei einem Mann, der seinen Körper züchtet, wie einen Formel-1-Motor.

Tochter Laura (4) hat drei Schnecken aus dem Garten entführt und neben den Käseteller gestellt. Nun will sie von Papa dafür gelobt werden. Am anderen Ende des Frühstückstisches begrüßt Brüderchen Simon (2) den Besuch mit „Hallo, Pubsa!“, obwohl erst gestern der Verzicht seines Lieblingswortes ausgehandelt wurde, eben WEGEN des Besuchs. Doch der Hosenscheißer ist eh kaum zu verstehen. Auf dem Sofa fordert der Jüngste, Tim, vier Monate, dezibelstark die augenblickliche Bereitstellung der Mutterbrust. Freundin Iris sprintet durch die Wohnung, der Puls rast im Grenzbereich. Familienoberhaupt Wolfram könnte sich ja wenigstens um die Schnecken kümmern, da lässt der Blick von Iris wenig Raum für Interpretation. Doch Wolfram Kurschat (33) scheint abwesend, ausgeloggt aus dem Hier und Jetzt. Gedankenversunken sitzt er da, den Blick nach innen gekehrt, die Finger zeitlupenartig an einem Stück Laugenbrezel zupfend. Man weiß nicht so richtig, ob er noch eine Antwort geben wird. Gefühlte Minuten sind seit der Fragestellung vergangen, ohne dass er sichtbar reagiert hat. „Wolfram hinterfragt immer alles“, versucht Iris vom Sofa her das Kommunikationsloch zu füllen, Schreihals Tim an der Brust. Die Sekunden kleben am Moment, während die Umwelt wie Teflon an Kurschat abperlt. Jetzt erstarren auch noch die Finger an der Laugenbrezel. Dann, schließlich:
„Warum sollte ich nervös sein, nur weil ich die Olympia-Qualifikation noch nicht geschafft habe?“, kontert Wolfram die gestellte Frage mit ruhiger Stimme, die wirklich ungewöhnlich ruhig wirkt, in Anbetracht des Themas und des rundherum tobenden Familienlebens.
Wäre eine Nicht-Nominierung etwa keine Enttäuschung?
(Lange Gedankenpause) „Klar, Olympia ist auf jeden Fall mein Ziel. Wenn ich es nicht schaffe, dreht sich die Welt aber auch weiter.“
Wirklich?
„Wirklich.“
Ein Trick, um den Druck auszublenden?
(Grübelt, nippt am Kaffee) „Ich weiß, dass jetzt wieder alle denken, ich hätte ein Kopfproblem. Es wird wirklich Zeit, dass endlich mal mit diesen ganzen Geschichten über mich aufgeräumt wird.“

Es brodelt in Kurschat, das spürt man. Offenbar so sehr, dass er jeden Satz erst behutsam auf seiner Zunge ausbrütet, ehe er ihn ausspricht. Er hat viel zu sagen, es hat sich einiges angestaut. Das Problem ist nur: Wo fängt er an? Zu viele „Geschichten“ wurden über ihn in den letzten Jahren verbreitet, ohne dass er sie je richtigstellen konnte. Die Geschichte beispielsweise, dass er an der unglücklich verpassten Qualifikation für Olympia 2000 innerlich zerbrochen sei. Dass er den Frust darüber mit Fressorgien bekämpft habe, nachdem er seinen 1,82 Meter großen Körper in den Monaten zuvor mit Wasser und Cornflakes auf 71 Kilo gedrillt hatte. Oder die Geschichte, dass er ein egozentrierter Einzelgänger sei, bloß weil ihm Mannschafts-Trainingslager ein Graus sind und er lieber alleine trainiert. Und natürlich die Geschichte, dass er noch nie eine Saison konstant durchgefahren sei, weil er auf den kleinsten Rückschlag angeblich hypersensibel reagiert. HALLO! Er hat nun mal drei Kinder, in den letzten fünf Jahren nebenbei Pharmazie studiert und lediglich in den Semesterferien Zeit fürs Radfahren gehabt. Kurschat kann nicht fassen, was da über ihn kursiert.

Wolfram Kurschat, der amtierende Deutsche Meister, scheint den Stammtisch-Anekdoten ausgeliefert zu sein. Zu oft war er ganz oben, zu oft wieder blitzschnell in der Versenkung, als dass sich Außenstehende eine logische Erklärung darauf reimen könnten. Als er beim diesjährigen Saisonauftakt in Münsingen mit einem spektakulären Sieg die internationale Konkurrenz deklassierte, wurde Kurschat bereits als die große deutsche Mountainbike-Hoffnung für Peking gefeiert. Niemand zweifelte daran, dass er bei den ersten Worldcup-Rennen die zwei nötigen Top-15- Plazierungen für die Qualifikation schaffen würde. Doch nach drei von fünf Quali-Worldcups fehlt Kurschat noch immer das alles entscheidende Resultat. Beim Rennen in Offenburg brach das Magen-Darm-System auf rätselhafte Weise zusammen, in Madrid kämpft der geschwächte Körper noch mit den Nachwehen. Schon machen wieder Geschichten die Runde, der Deutsche Meister halte dem übermächtig werdenden Druck nicht Stand. Doch Kurschat muss lachen, wenn er das hört. „Ganz ehrlich: Olympia ist für mich ein Rennen von vielen. Und wenn ich da nicht mitfahre, dann gibt es immer noch die Deutsche Meisterschaft, die WM, den Worldcup und hundert andere Rennen“, sagt er und will, dass man ihm das endlich glaubt. Er hasst es, immer nur auf Olympia reduziert zu werden. Ein Stempel, den er einfach nicht loszuwerden scheint. Vor allem jetzt, im olympischen Jahr, wo die Reporter auf der Suche nach deutschen Heldengeschichten auch mal wieder an die Mountainbike-Strecken gepilgert kommen und sich auf jeden stürzen, der nach Olympia- Kandidat aussieht.

Wolfram Kurschat ist das große Mysterium des deutschen Cross-Country-Sports. Jeder kennt ihn, den Sportler. Doch kaum einer kennt ihn, den Menschen. Das mag an seiner ausgeprägten introvertierten Art liegen. Vielleicht aber auch an der Schublade, in die man ihn nach seinem dramatischen Abgang im Jahr 2000 gesteckt hat: der Mann mit dem Kopfproblem. Kurschat hat nie ernsthaft dagegen angekämpft. Er gewinnt lieber, als dass er redet. Kurschat ist kein Selbstdarsteller wie seine Konkurrenten Lado und Manuel Fumic, die mit halbnackten Bikini- Schönheiten für Kalender posieren. 1990 meldete sich der damals 15-jährige Kurschat zu seinem ersten Mountainbike-Rennen an, „weil ich am Austragungsort mit meinen Großeltern als Kind immer Pilze sammeln war.“ Gerade mal zwei Jahre später wurde er Vize-Europameister bei den Junioren. Die Frucht einer von Anfang an leistungsmethodisch angegangenen Trainingsweise. Der ganz große Durchbruch jedoch gelang Kurschat erst in der Saison 1999, als er plötzlich ganz vorne im Worldcup mitmischte und damit der deutschen Nationalmannschaft einen zweiten Startplatz für Olympia 2000 sicherte. Es war die Zeit, als der heimische Cross-Country-Sport der internationalen Bedeutungslosigkeit entgegensiechte. Plötzlich keimte wieder Hoffnung auf glanzvolle Zeiten. Doch ausgerechnet Kurschat verpasste die Olympia-Norm wegen eines geplatzten Schlauchs beim Worldcup-Rennen in Napa Valley, bei dem er gerade aussichtsreich auf Platz fünf lag. Nationalmannschafts-Kollege Lado Fumic, schon damals nicht sein bester Freund, soll dem Pechvogel im Vorbeifahren noch einen hämischen Spruch zugerufen haben. Das war es. Keine Rennen mehr. Nur noch Gerüchte: Kurschat habe sich in der Eisdiele zehn Kilo angefressen, hieß es. Kurschat sei nervlich am Ende, wollten andere wissen. Kurschat habe ein Kopfproblem, war man sich schließlich einig, ohne ihn je gefragt zu haben.

Was genau ist damals passiert?
(Sehr lange Denkpause) „Diese Geschichte in Napa Valley war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich hatte damals zwei Jahre lang versucht, mir ein Leben als Profi aufzubauen, bin sogar extra von Dortmund nach Neustadt an der Weinstraße gezogen, weil ich dort besser trainieren konnte, hab’ all mein Geld dafür investiert. Doch irgendwann merkte ich: Vorne, in der absoluten Spitze, wird was genommen.“
Doping?
„Ja.“
Eine Vermutung, oder hattest Du Beweise?
„Nein, konkrete Beweise hatte ich damals nicht. Aber seit der Skandal-Tour 1998 war ja bekannt, was im Radsport läuft. Bei den Mountainbikern gab es ein paar Fahrer, die allen anderen um die Ohren fuhren. Du trainierst am Limit und kommst einfach nicht ran. Ich nenne jetzt nur mal die Namen Bas van Dooren, Christophe Dupouey oder auch Michael Rasmussen, die ja später tatsächlich im Zusammenhang mit Doping auffällig wurden. Ich sah einfach keine Perspektive mehr. Das Geld war immer knapp. Ich hatte keinen Berufsabschluss. Mein Leben kam mir wackelig wie eine umgedrehte Pyramide vor. Ein Windhauch und alles wäre umgekippt. Als der Reifen plattging, habe ich die Notbremse gezogen.“

Warum hast Du weitergemacht?
„Aus Spaß am Cross-Country-Sport. Ich hatte ja nie richtig aufgehört, nur eben ein Pharmazie- Studium begonnen. Ich wollte einen Abschluss. Pharmazie war perfekt. Ich konnte dabei auch jede Zelle meines Körpers begreifen lernen. In den Semesterferien bin ich Rennen gefahren. Viele haben gar nicht registriert, dass ich im Olympia-Jahr 2004 Zweiter bei der Deutschen Meisterschaft geworden bin, quasi nebenbei. Olympia war mir zu der Zeit egal.“
Und das Thema Doping?
„Ich habe über viele Jahre Ergebnislisten analysiert. Es gibt heute keine Fahrer mehr, die außerirdisch überlegen sind. Ich glaube, der Sport ist relativ sauber.“


Es ist kurz vor elf Uhr. Die zwei Größten hüpfen auf dem Trampolin im Garten, der Jüngste schlummert selig auf dem Sofa. Zeit für Kurschat, in Radklamotten und mit alpinaweißbestrumpften Füßen über Hubschrauber, Bauklötze und Teddys Richtung Wohnungstür zu steigen, die überall in der engen Wohnung verstreut liegen – Trainingszeit. Wer wissen will, wie dieser Wolfram Kurschat tief in seinem Innern tickt, der muss ihn nur in diesen Minuten beobachten. Wie er hochkonzentriert die Iso-Drinks anmischt, kein Gramm Pulver zu viel. Wie er sich über die erdnussbutterbraungebrannten Beine streicht, die Muskelfasern behutsam nach Verhärtungen abtastend. Wie er an den Worten von Iris vorbeihört, die es schade findet, dass er auch heute, am Muttertag, wieder den ganzen Tag nicht zu Hause sei. Die Erfolgsformel von Wolfram Kurschat ist eine zu Selbsthärte geronnene Form von Ehrgeiz. Er ist nicht nur Sportler, er ist ein hochleistungssportlicher Extremist. Als er vor ein paar Jahren die Rückkehr ins Renngeschehen beschloss, habe er den Cross-Country-Sport von Grund auf analysiert, sagt Kurschat: „Du musst die maximal mögliche Leistung maximal effektiv auf den Boden bringen. Wenn Du im Ziel noch einen Meter weiterfahren kannst, hast Du was falsch gemacht.“ Kurschat redet über seinen Körper, wie über einen Formal-1-Motor. Die Trainingspläne schreibt er selbst. Um die Zündung optimal einzustellen, hat er sich eine Worldcup-ähnliche Strecke zusammengestellt. Hunderte Testfahrten hat er darauf abgespult: Mit viel Luftdruck und wenig, mit Vollgas und mit weniger Pedaldruck, mit driftenden Reifen bergab und ohne. Ein Datenaufzeichner erfasst Puls, Tempo und Zeit. Die Ergebnisse werden pingelig genau analysiert. Der PC ist voll mit Kurven, Diagrammen und Tabellen, jedes Komma registriert. Alles, wirklich alles, ordnet Kurschat dem Sport unter. Auch die Familie. Um ungestört „regenerieren“ zu können, zieht er sich nach dem Training oft in seine kleine Einliegerwohnung zurück, in der er sogar nachts allein schläft.
Träumst Du manchmal von Olympia?
Da muss Kurschat ausnahmsweise mal nicht lange überlegen.

„Nö, das blende ich aus. Meine Routine wird mich schon hinbringen.“

Bilder: Christian Kaufmann

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