Ein fürchterlicher Crash kostete ihm ein Bein und fast das Leben. Noch im Krankenhaus bestellte der Amerikaner Brett Wolfe (36) ein neues Bike – und schindet sich seit dem bei den extremsten Rennen der Welt.

Sie haben ihm das Bein abgesägt, weil es nur noch Matsch war. Das ist alles. Brett Wolfe (36) schaut, als wolle er sich dafür entschuldigen. Er weiß, dass die Leute eine Geschichte hören wollen. Eine Geschichte über Depressionen und ein Bike, das ihm kurz vor dem Durchdrehen wieder Lebensmut gab. Eine Geschichte über die Flucht vor dem Mitleid der Mitmenschen. Oder zumindest eine Geschichte vom trotzigen Kampf gegen den eigenen Körper, der die Sportlerseele eingesperrt hat. Helden-Geschichten eben, die das Unglaubliche erklären: Wie kann dieser Mann mit nur einem Bein Rennen wie die Transalp Challenge oder 24-Stunden-Marathons bestehen, an denen selbst austrainierte Athleten mit zwei Beinen scheitern? Doch eine Helden-Geschichte gibt es nicht. „Ich habe Laufen noch nie gemocht“, lacht Brett und lässt sich erschöpft auf die Massage-Liege fallen. Achteinhalb Stunden hat er für die 3 400 Höhenmeter der heutigen Transalp-Challenge-Etappe gebraucht. Die Letzten im Feld werden noch Stunden unterwegs sein.

Die eigentliche Geschichte von Brett Wolfe beginnt in Alaska. Brett war zehn, sein Vater begeisterter Bergsteiger. Also ging er mit. „Die Berge empfand ich als gewaltiger, als jedes von Menschen erschaffene Objekt“, erinnert sich Brett, der sein Leben fortan in der Natur verbrachte, wann immer er konnte. Die Städte mit ihrer lärmenden Hektik waren nichts für ihn. Sein energiegeladener Körper brauchte Luft, Weite, Auslauf. Im Winter fuhr er Ski, im Sommer übte er Tricks mit dem BMX-Rad. Als das 1993 geklaut wurde, stieg er aufs Mountainbike um. „Bei meiner ersten Tour irrte ich mit meinem Bruder sieben Stunden durch die Wildnis, um den Trail zurück zu finden. Fast wären wir Teil der Nahrungskette geworden, es wimmelte nur so von Braunbären.“ Abenteuer wurden zur großen Leidenschaft, Jobs dagegen zum notwendigen Übel. Einmal verteilte er monatelang Kataloge, nur um eine Krankenversicherung zu haben. „Ich lebte planlos in den Tag, hatte keine Vision“, erinnert sich Brett. Das sollte sich an einem Herbsttag 1990 schlagartig ändern.

Über den Unfall redet Brett nur ungern. Er kann es nicht mehr rückgängig machen; also hat er es verdrängt. Mit dem Motorrad war er unterwegs, etwas zu schnell und eine Sekunde lang unkonzentriert. Es sei ein großes Wunder, betont Brett, dass er noch lebe. Sechzig Prozent des Unterkörpers wurden durch die Wucht des Aufpralls zerschmettert. Steiß, Becken, Kreuzbein – nur noch Puzzleteile. Ein paar Rippen waren gesplittert und hatten innere Organe verletzt. Der linke Oberschenkel war fünfmal gebrochen, der Unterschenkel viermal. Vom rechten Bein war nur noch eine leblose Masse aus Knochen, Muskeln, Sehnen und Haut übrig. „Ich hörte einen Arzt sagen, dass ich meinem durchtrainierten Körper mein Leben verdanke. Sonst hätte es mich wohl in zwei Hälften gerissen.“ Plötzlich habe er nachgedacht, sagt Brett. Darüber, wie wertvoll das Leben doch ist. Und wie er es verschwendet hatte. Ein kurzer Moment der Achtlosigkeit hatte ihn ein Bein und fast das Leben gekostet. „Ich wollte alle Dinge, die ich künftig tue, nur noch mit voller Konzentration angehen“, sagt Brett. Wie schwer es war, den Verlust des Beins zu verkraften? „No Big Deal“, winkt er ab: „Ich war froh, am Leben zu sein.“

Bässe wummern durch die Startgasse. Rasseln rasseln. Der Moderator zählt den Countdown zur dritten Transalp-Etappe. Knapp 100 Kilometer und 2 825 Höhenmeter über die Felbertauern warten auf die Fahrer. Ein Drittel davon ist wegen einer ruppigen Gesteinswüste unbefahrbar. „Das Extremste, was es je bei Transalp gab“, raunt der Mann am Mikro. Die halbe Nacht hat Brett wach gelegen und überlegt, was er tun soll: Das Ziel erreichen, oder gar nicht erst antreten. Eiserner Wille erlaubt keine Graustufen. Entweder, oder. Nun ist der linke Schuh eingeklickt und der Tross spült Brett auf die Strecke. Also ziehen, drücken, ziehen, drücken, die Kurbel herumwuchten, egal wie sehr die Muskeln krampfen. Es ist Mittag, als Brett schließlich den Scharfrichter erreicht: mehrere Stunden Fußmarsch über loses Geröll, hoch zur St. Pöltener Hütte. Der Veranstalter ist besorgt um „den Einbeinigen“ und hat extra einen Mann von der Bergwacht für ihn abgestellt. Dass Brett diese höllische Passage bezwingt, scheint ausgeschlossen. Doch der lehnt jede Hilfe ab. Er nimmt das Oberrohr zwischen sein linkes Bein und den Stumpf rechts, zieht das Bike ein paar Zentimeter vor, bremst und wirft das Bein nach vorne – immer wieder. Stundenlang ringt er dem Berg Meter für Meter ab, bis er endlich am Ende seiner Kräfte den Gipfel erreicht. „Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als die Leute in den Cafés neben der Zielgeraden aufstanden und applaudierten. Ich hatte all diese Hürden besiegt“, schwärmt er hinterher. Und das ist wohl auch die eigentliche Geschichte von Brett Wolfe: ein abnorm starker Wille, der sich auf dem Weg zum Ziel von nichts aufhalten lässt. Noch nicht einmal von einer Bein-Amputation.


Die Wunde am Stumpf war damals noch nicht richtig verheilt, da ließ sich Brett im Rollstuhl zum Bikeshop schieben und bestellte das Rad für die nächste Saison. Keine Sekunde wich er von seinem Plan ab, mit dem Bike jede freie Minute durch die Berge zu fahren. Wochen später der erste Versuch: Von der Veranda seines Vaters hangelte sich Brett auf das neue Bike, rollte 100 Meter und durchlitt anschließend fürchterliche Schmerzen. Links hämmerten die beschädigten Nervenbahnen, rechts wollte sich der Knochenstumpf durch die Wunde bohren. Erst Monate später konnte er vier Kilometer am Stück zurücklegen. „Ich fühlte mich, als würde ich fliegen“, sagt er. Die Ausfahrten wurden länger und bald unterschieden sich die Touren kaum noch von denen vor dem Unfall. Der Druck auf das Pedal war schwach. Die Muskulatur musste sich erst an die einseitige Belastung gewöhnen und verspannte sich oft. Die Nerven in den Beinen verursachten noch immer Schmerzen. Bunnyhops und Wiegetritt funktionierten nicht mehr. Dennoch trat Brett drei Jahre nach dem Unfall bei einem Rennen an – dem 25 Kilometer langen „Padden Pedal“ im kleinen Kaff Bellingham. „Der Matsch war knietief. Es war das Härteste, was ich jemals gemacht habe“, behauptet Brett, während er sich den Schweiß der Etappe aus den müden Augen wischt.

Mit der „Transalp Challenge“ betrat er 2002 schließlich die Welt der Extrem-Rennen. Plötzlich hatte er ein Ziel, das selbst er nicht für möglich hielt. Umso ehrgeiziger forderte er seinen Körper. Er trainierte täglich, trat in seinem neuen Job als Industrie-Designer kürzer, lebte wie ein Profi. Und formte seinen Körper wie einer. Seine Lungen sind 20 Prozent größer als die eines normalen Bikers. Brett kann „mit links“ eine Stunde lang 300 Watt treten. So wurde die Liste der bestandenen Extrem-Rennen immer länger: Transalp, Transrockies, Cape Epic, 24-Stunden-WM. Nichts konnte ihn aufhalten, keine Berge, kein Schlamm, keine Hitze. Das Bike wurde sein zweites Bein. „Ich mache das alles nicht, um mich selber darzustellen, sondern weil ich herausfinden will, wozu ich fähig bin“, sagt Brett und grübelt: „Viele Leute sagen ich sei ein Held. Bin ich das? Nein, jeder Mensch kann Dinge erreichen, die er nie für möglich halten würde.“ Und das, sagt Brett, habe nichts mit der Anzahl der Beine zu tun.

Bilder: Michael Hamel (links), Franz Faltermaier (rechts)

© Henri Lesewitz 2005 · Impressum · e-Mail