Rockn Roll im Blut und den Glauben an Jesus im Herzen – Christian Voss ist der schrägste Pfarrer auf Gottes Erden. Seine Predigt: Biken, auf Teufel komm raus.

Manchmal hilft nur noch Beten. Oder Fluchen. Mit weit aufgerissenen Augen starrt Chris Berndt (14) in die matschige Abfahrt. Laufen wäre schon heftig. Aber mit dem Bike: „Ach du Scheiße!“ Doch der Angsthase kann auf Gottes Hilfe vertrauen. Er gehört an diesem Wochenende zu den Schützlingen von „Vossi“ (30), dem Bike-Pfarrer. Der steht unten, streicht sich durch die wilde Irokesen-Mähne und predigt: „Hey, nicht wie ein nasser Sack. Lass laufen, du kannst das!“ Nervös schiebt Jonas den Helm zurecht. Die Finger zittern ein wenig. Dann tritt er in die Pedale und dem inneren Schweinehund kräftig in den Hintern. Unten platzt er fast vor Stolz. „Viele Teenies glauben, sie können nichts. Das ist Quatsch. Ich will ihnen helfen, die Grenzen zu verschieben. Das hilft denen ja irgendwie auch im Leben weiter“, sagt Vossi.

Der Typ heißt eigentlich Christian Voss – dreißig Jahre alt, verheiratet, Papa einer süßen Tochter. „Jesus rules“ prangt in riesigen Lettern auf dem Shirt. Weil seine blonden Irokesen-Haare fast bis zur Hüfte wedeln, hat er den Spruch am Rücken ganz unten platziert. So kann man ihn besser sehen. Vossi ist Christ. Bikefreak. Und seit drei Jahren Bike-Pfarrer mit offiziellem Segen der Kirche. Der Job ist Jugendarbeit an der Basis: Konzerte organisieren, Dirt-Strecken bauen, Workshops geben. „Ich will die Leute nicht vollpredigen, sondern Spaß in ihr Leben bringen“, sagt Vossi. Sein erstes Bike hat er mit Vierzehn gekauft. „So ’ne Mühle für 1000 Mark. Aber ich war sofort süchtig“. Später fuhr er Trial. Dann Downhill-Rennen. Einmal wagte er sich sogar an den Start eines Cross-CountryzWorldcups. „Ich stand neben John Tomac in der ersten Reihe. War ein Versuch, ging aber voll in die Hose. Danach bin ich nur noch auf angemessenem Niveau gefahren – also bei Lokalrennen“, feixt Vossi. Inzwischen bleibt ihm keine Zeit mehr für Rennen. Seine Mission als Bike- Pfarrer fordert vollen Einsatz. Dieses Wochenende betreut er den Workshop „Mountainbiken“ beim Konfirmanden- Treffen auf Schloss Mansfeld. Fast hundert Jugendliche sind zum „Konfi- Castle“ gekommen. Ein Fernseh-Team ist auch dabei. Es dreht für NBC einen Beitrag über den schrägen Bike-Pfarrer. Gleich soll die Ausfahrt starten. Doch der Redakteur braucht noch einen „O-Ton“. Also baumelt erst mal ein zotteliges Mikro vor Vossis Nase: „Ich will keinen bekehren. Ich will zeigen, dass ich als Christ nicht mit der schwarzen Kutte zuhause sitze, sondern Spaß habe.“ Vossi hat Routine mit den Medien. Seit er den Job als Bike-Pfarrer hat, bekommt er häufiger Besuch von Presse, Funk und Fernsehen. Vor ein paar Tagen hat sogar die ARD angefragt.

Dabei war der Weg zum christlichen Glauben für Vossi ein schmerzhafter. Als er sechzehn war, wurde sein kleiner Bruder vom Zug überrollt. Grausam in den Tod geschleift. Lange Zeit konnte Vossi den Verlust nicht verkraften. Fühlte sich ohnmächtig. Schmerzerfüllt. Besonders krass fand er den Sterbespruch, den die gläubigen Eltern auf den Grabstein meißeln ließen: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen.“ Der Satz stammt aus der Bibel. „Ich dachte: Warum passiert so was, wenn es doch einen Gott geben soll?“ Vossi suchte die Antwort in der Bibel, während seine Kumpels ihre Religion in der „Bravo“ fanden. „Das Buch ist über tausend Jahre alt. Aber da wurde im Prinzip über dieselben Probleme geschrieben, die uns heute auch beschäftigen. Wir machen Gott für alles verantwortlich, was wir verzapfen. Gott setzt uns nackt auf die Welt und holt uns nackt. Was wir dazwischen machen, liegt doch in unseren Händen“, findet Vossi. Als er 1993 mit dem Biken pausieren musste, schulte er vom Industrie-Mechaniker zum Diakon um. Beim Downhill-Worldcup in Kaprun hatte er seinen Ellenbogen in ein chirurgisches Puzzle zerlegt.

Damit die Ellenbogen der „Konfi-Castle“-Biker heil bleiben, übt Vossi mit den Kidies erst mal Bremsen. Jonas Pohl (13) ist der Jüngste von ihnen. Richtig biken war er noch nie. Die Eltern haben kein Geld für ein teures Mountainbike. Deshalb fährt er heute mit einem Rad aus Vossis Fundus. „Ich find das total cool. Tischtennis kann ich immer spielen. Das hier macht Spaß und lernen kann ich auch noch was“, sagt er motiviert und driftet mit dem Hinterrad über den Waldboden. Der Kamerafrau des Filmteams dauert das aber jetzt doch etwas zu lange. Das Licht „geht weg“ und die „Location“ hat sie eh schon „verbraten“. Außerdem will sie noch ein paar „Wischer“ machen und natürlich ein paar „Einzelaufnahmen“ und „O-Töne“. Also weiter.

Seine erste Andacht als Bike-Pfarrer hielt Vossi mit 23 Jahren. Beim Dorfrennen in Minden setzte er sich spontan auf einen LKW und predigte einen entspannten, fairen Wettkampf. Er pilgerte von Rennen zu Rennen. Bald war der Jesus-Freak in der ganzen Szene bekannt. Custom-Schweißer Florian Wiesmann nahm ihn sogar ins Sponsor-Progamm auf. „Jesus rules“ wurde zum Markenzeichen. Bei einem Downhill-Rennen lief Vossi mal ein Bike-Punk über den Weg. „Say, you love Satan!“, stand auf dessen T-Shirt, was so viel heißt wie: „Gib zu, du liebst Satan“. Von wegen. „Zuhause ließ ich sofort die „Jesus rules“-Shirts drucken“, lacht Vossi: „Kann doch nicht sein, dass Satan Werbung macht und Jesus nicht.“ Vor drei Jahren führte Vossis Weg schließlich vom Heimatort Hannover nach Klieken, Postleitzahl 06869. Ein Dorf mitten in Sachsen-Anhalt. Kopfsteinpflaster, 1186 Einwohner, eine Kirche, ein Pfarrhaus. Die Drei-Zimmer-Wohnnung darin war Vossi als neues Zuhause zugeteilt worden. Die Kirche hatte ihn offiziell zum Bike- Pfarrer ernannt. Zum ersten und einzigen auf der Welt. Der finanzielle Lohn dafür ist eher mager, Vossi aber ohnehin ein Idealist. „Ich sollte in Sachsen-Anhalt ein Funsport-Projekt mit Jugendlichen aufbauen. Was, blieb mir überlassen, erinnert sich Vossi. Schon am Tag seiner Ankunft hingen ein paar halbwüchsige Biker vor dem Pfarrhaus ab. Es hatte sich in Klieken schnell rumgesprochen, dass dort ein „Downhiller“ eingezogen sei. Vossi war klar, was zu tun sei. Er wollte den Jugendlichen in dieser gottverlassenen Gegend zu einer Dirt-Strecke verhelfen. Zu mehr Halt in einer Gegend, wo es mehr Arbeitslose als Jugendliche gibt. Drei Jahre lang kämpfte er um ein paar Quadratmeter auf der örtlichen Motocross-Strecke. Baute mit den Bikern Sprunghügel. Kaufte dafür auf eigene Kosten eine abgetakelte Planierraupe. Sogar ein Rennen war geplant. Doch an einem trüben Februartag diesen Jahres konnte auch Gott nicht mehr helfen. Als Vossi zur Strecke kam, war sie nicht mehr da. Weg. Platt gemacht von den Motocrossern. Über Nacht. „Das war sehr, sehr bitter“, sagt Vossi.

Vielleicht brauchten die Crosser den Platz für ihre eigene Strecke. Vielleicht war ihnen auch einfach nur der „Jesus-Typ“ aus dem Westen suspekt. Vossi muss oft gegen Vorurteile kämpfen. Anpassen würde er sich deswegen nie. „Meine Wertigkeit beziehe ich nicht durch andere Menschen. Ich finde es geil, mit Jesus als Chef zu leben. Er akzeptiert mich wie ich bin, sagt Vossi. Als er sich einmal als Entwicklungshelfer bewarb, sollte er sich dafür die Haare schneiden lassen. Vossi lehnte ab. Posen findet er das Schlimmste überhaupt. Freerider zum Beispiel, die für einen Werbevertrag Kopf und Kragen riskieren. Oder gekünstelte Coolness. „Ich habe mich mal so über Shaun Palmer aufgeregt. Der reißt sich das ganze Leben lang für den Sport den Arsch auf. Und dann tut er in den Medien immer so saucool, als wenn alles ganz easy ist. Die Kidies machen es nach und brechen sich dann easy die Knochen, schüttelt Vossi den Kopf. „Amen“, möchte man denken. Doch Vossi ist kein Moralapostel. Sieht man von Iro und den „Jesus rules“-Klamotten ab, ist Vossi ganz irdischer Art. Er sammelt „Star Wars“-Figuren. Spielt zum Sound der Punkband „Bad Religion“ Luftgitarre. Ballert den Gegnern beim „Gotcha“ die Farbkugeln um die Ohren. Und stopft sich gerne mit Süßigkeiten voll.

Auf Schloss Mansfeld gibt es auch gleich Süßigkeiten. Es ist 16 Uhr, Vesperzeit. Doch bevor die Gruppe den Rückzug antritt, soll noch kurz ein Sprung geübt werden. Vossi zeigt, wie es geht und segelt elegant über eine Bodenwelle. Chris Bernd, der mit seiner Daunenjacke aussieht wie das Michelin- Männchen, nimmt Anlauf. Er reißt am Lenker. Die Bodenwelle kommt. Doch das Rad hebt nicht ab. Höhenluft schnuppert Chris trotzdem. Allerdings erst, als er mit voller Kraft in die Vorderbremse steigt. Da ist es zum Beten aber schon zu spät.

Bilder: Oliver Soulas

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