Die Eckdaten klingen wie Anglerlatein: 11900 Kilometer von Kairo nach Kapstadt, 120 Tage, zehn Länder, 50 Starter. Die „Tour d’ Afrique“ ist das längste Bikerennen der Welt. Ein ewiger Kampf gegen Hitze, Erschöpfung und Magenkrämpfe.

Bis jetzt: 57 Tage und 5019 Kilometer.

Zuerst bekommt der Schutzengel den Hintern gepudert. Soll der Magen ruhig knurren. Pünktlich wie jeden Morgen ploppt Urs Hausermann (47) die kleine Kunststoff-Flasche mit dem Weihwasser auf. Die Schwiegermutter hat sie ihm zusammen mit allerhand gut gemeinten Ratschlägen mitgegeben, damit er den Irrsinn hier heil übersteht. Ein Tröpfchen an die Stirn, einer an die Brust, einer an die Schulter links, einer rechts. So hat es Urs zumindest erst mal bis zum Mt. Kenia geschafft, der nun mächtig und käseglockenförmig hinter ihm thront. Er hat die Sandstürme im Sudan überstanden. Die steinwerfenden Kinder in Äthiopien. Den Dünnpfiff in Ägypten. Und das allmorgendliche kulinarische Gruselkabinett, dass Küchenchef Miles ungeniert Frühstück nennt. Also lieber davor bekreuzigen, als hinterher. Urs schöpft angewidert eine Ladung „Porridge“ aus der Feldküche. Der Haferbrei sieht aus wie Tapetenkleister und bietet ein ähnliches Gaumenerlebnis, vergleichbar am ehesten mit einem Biss in eine Rigips-Wand. „Man gewöhnt sich an alles“, sagt Urs: „Nur nicht an das.“ Käse wäre geil. Oder Milch. Überhaupt: Proteine. Doch die gibt es seit Wochen kaum noch. Afrika eben, da muss er jetzt durch. Immerhin gehört Urs nach zwei Monaten Rennstress zu den wenigen im Peloton, die noch EFI-Status genießen – also „every fucking inch“ in den Beinen haben. Im Ziel in Kapstadt, Anfang Mai, wird das wohl kaum noch einer von sich sagen können. Dafür ist die „Tour d’ Afrique“ einfach zu gnadenlos.

Die Eckdaten des Rennens wirken wie aus einem Fantasie-Roman. Sie sind echt, real. Und einfach unbegreiflich: 11900 Kilometer gegen die Uhr, vier Monate von Kairo in Ägypten nach Kapstadt in Südafrika - ein Kontinent, zehn Länder, 120 Tage. Wüsten, Gebirge, Hochebenen. Schlafen im Zelt, Duschen mit dem Trinkrucksack, wenn überhaupt. Das längste Radrennen der Welt. Und gleichzeitig das verrückteste. Immerhin 50 Fahrer tun sich diesen süß-sauren Superlativ an. Die meisten haben ihren Job dafür unterbrochen, so wie Urs. Jahrelang war der Schweizer Versicherungsmann von Termin zu Termin gehetzt. Nun nutzt er die sechsmonatige Auszeit, um sich den Traum vom großen Abenteuer zu erfüllen. Es sind keine Hippies, die hier gegen die Launen der Natur kämpfen. Es sind Gutverdiener, die nach der „Tour d Afrique“ beruflich neu durchstarten wollen. Karriere-Typen, die das Rennen als Kreativ-Pause sehen: am Flughafen einchecken, aus dem Leben auschecken; aufsteigen um auszusteigen. Dafür hat jeder allein 9000 Dollar an Startgebühr bezahlt. Flug plus laufende Kosten exklusive. „Das sind alles privilegierte Leute hier, auch wenn inzwischen alle aussehen wie Landstreicher“, sagt Urs und würgt einen Klumpen Haferpampe in sich rein, every fucking inch.

Eine halbe Stunde bis zum Etappenstart. Rita van Rooyen (33) steht noch seelenruhig am Büffet und rührt in ihrem Emailbecher. Kaffee reicht. Sie muss ja nicht fahren. Nur auf die Uhr schauen. Rita gehört zum neunköpfigen Helferstab und ist für die Zeitmessung verantwortlich. „Unentgeltlich“, wie sie klarstellt. Dann redet sie auf ihr Gegenüber ein, als handle es sich um ein Mikrofon: Der Peter, also ihr Mann, hätte das Rennen unbedingt machen wollen, was sie ja erst total crazy fand, dann aber sogar ihren Job dafür kündigte - mobile communication - um mitzukommen. Afrika sei ja so aufregend. Superschwierig sei es gewesen, ein homöopathisches Malariamittel aufzutreiben. Jedenfalls: Der Peter habe trainiert wie ein Irrer und sei dann viel besser gewesen als gedacht, Vierter, wie ein Profi, Wahnsinn. Doch dann habe er plötzlich Blut gepinkelt, was ja wohl total krass sei. Durch die Belastung hätten sich wahrscheinlich Muskelfasern abgelöst, die über den Urin ausgeschieden werden, echt jetzt, das habe sie mal irgendwo gelesen. Der Peter sei dann aber natürlich weitergefahren, der war ja Vierter, aber es hat nicht aufgehört und nun sei er eben nach Nairobi ins Krankenhaus getrampt, per LKW, nach drei Wochen sollte man das ja vielleicht schon mal dem Arzt zeigen, damit sei nicht zu spaßen. Jetzt müsse sie aber mal los hier, keine Zeit, sorry...

Von Nanjuki nach Sagana sind es 110 wellige Kilometer. Einen Startschuss gibt es nicht, es geht einfach los. Das Peloton fädelt sich eingespielt auf, wird aber zwei Kilometer später von Rennchef Randy (28) gestoppt – Äquatorüberquerung. Also Kameras raus. Posen. Aufstellen fürs Gruppenfoto. Urs rollt zum anderen schweizer Urs, der mal bitteschön ein Bild machen soll, aber nicht gegen die Sonne, danke. Der Äquator-Stopp wird nach japanischer Touristentradition zelebriert. Schließlich symbolisiert er die Halbzeit der „Tour d’ Afrique“. Und nicht nur das. „Von jetzt an fließt das Wasser anders herum, anglerlateint ein einheimischer Souvenir-Verkäufer und bemüht sich mit Hilfe einer Wasserschüssel um die Fundierung dieser Aussage. Dass es bei Bier offenbar tatsächlich funktioniert, beweist der Amerikaner Cory nur wenige Meter daneben. Der Bursche stützt sich wackelig am Äquatorschild ab und würgt an den Biermassen der gestrigen Äquator-Party. In Bettlaken gewickelt hatten die Fahrer in einem Diskoschuppen namens „Pirate Deck“ bis in die Puppen gefeiert. Das erste mal überhaupt. Nach 2000 Kilometern, Wüsten, Sturm, Gewittern. „It’s my Life!“, hatten sie Bon Jovi’s Kuschelrock-Schlager gegrölt, die linke Hand in die Luft gereckt, die rechte am Billardtisch abgestützt. „It’s my Life! Now or never!“ Oben auf dem grünen Filz stand die polnische Fotografin, kreiste rattenscharf mit den Hüften -„now or never!“ - und bannte das lustige Besäufnis auf Speicher-Chip. Nichts mehr zu spüren vom Lagerkoller, der sich langsam ausbreitet. Noch mal alle Bierflaschen im Chor: „It’s my Life!“ Was natürlich großer Quatsch war. Denn die „Tour d’ Afrique“ ist genau das Gegenteil davon: Nichts weiter als die Pausetaste vom Leben.

Der Äquator ist abgehakt. Es geht weiter. Der Wind fönt von vorn. Urs drückt mit 48:16 über die Piste. Ab und zu geht er in den Wiegetritt, um seinen Hintern zu entspannen, die Problemzone von Anfang an. Mehrmals hat er den Sattel schon gewechselt. Hat nichts genutzt. Egal, verglichen mit dem Magen ist der Hintern noch das kleinste Übel. Zähne zusammen-beißen, und immer schön treten, treten, treten. Urs ist in der Gesamtwertung auf Platz vier gerückt, nachdem der Blut urinierende Peter ausgeschieden, ein anderer Spitzenfahrer schon mal zum Kilimandscharo vorgefahren und der spurtstarke Ire zum Fotografieren nach Uganda ausgeschert ist. „Hier kann jeden Tag alles passieren“, sagt Urs. „Entweder du wirst krank, oder gehst an der Psyche kaputt.“ Das Fahren, betont er, mache eh nur ein Drittel der Belastung aus. Campen und dauernde Wehwehchen die anderen zwei. Er schaue deshalb, dass er einen guten Mittelweg finde. Die Platzierung sei zwar schön und gut. Viel wichtiger sei aber der „every fucking inch“-Status. Schließlich sammle er mit jedem gefahrenen Kilometer Geld für ein Kinderhilfsprojekt in Äthiopien. Und das sei ja schließlich Ansporn genug.

Von hinten rauscht der „Belgische Kreisel“ mit dem Gesamtführenden Matthew Caretti (36) heran und ziemlich zügig vorbei. „Matt“ sieht aus wie Russel Crowe in „Gladiator“, brummt ein kehliges „how are you“ in den Fahrtwind und ist samt Anhang schon hinterm nächsten Hügel verschwunden. Urs spart sich Antwort und Gegenwehr. Schließlich ist heute Ruhetag. Rennchef Randy hat die Etappe wegen der gestrigen Äquator-Party zum „Soda-Ride“ erklärt. Sieger soll heute derjenige Fahrer sein, der unterwegs die meisten Cola trinkt. Ein digitales Beiweisfoto pro Flasche und Kiosk reicht. Urs zieht trotzdem stoisch an der Kurbel, nicht weniger als auf den bisherigen Etappen auch. Erstens findet er den Soda-Kokolores affig. Zweitens will er im Rhythmus bleiben. Nur nicht aus dem Takt kommen. Da, eine Kuhherde, immerhin. Die Landschaft ist grad ziemlich einschläfernd.

Nach 60 Kilometern ist wieder der Schutzengel gefragt. Am Pistenrand parkt der „Lunch-Truck“. Auf Klapptischen ist das aufgebaut, was die Küche „Zwischenmahlzeit“ nennt: eine Auswahl wabbeliger Weißbrote, gefüllt mit entweder Erdnussbutter, oder der mit Mayonnaise verquirlten Bolognese von gestern Abend. Urs schüttelt sich angeekelt. Dann lieber einen von der Sonne aufgeweichten Power-Riegel. „Ich kann diese blöden Brote nicht mehr sehen“, mosert Urs und stellt den gebotenen Service lautstark in Frage: 9000 Dollar Startgebühr und dann immer nur „blöde Brote“. Und das „blöde Chlorwasser“ schmecke ja wohl wie aus dem Schwimmbecken, also aus dem Kinderbecken. Nee, nee, nee, er wolle echt mal wissen, was die hier mit dem ganzen Geld machen. Dann lacht er künstlich auf, um das ganze als lustigen Scherz zu tarnen. Wer gilt schon gerne als Spielverderber. Okay, weiter. Urs will schließlich noch ins Internet-Cafe, die Homepage füttern.

Der Kampf um einen Platz im „Cyber-Cafe“ wir oft härter ausgetragen, als der auf dem Bike. Fast alle Fahrer haben einen Partner daheim. Und damit das möglichst so bleibt, wird jede Möglichkeit zum digitalen Austausch von Zärtlichkeiten genutzt. Doch die rustikalen Sperrmüll-Computer in afrikanischen Internet-Läden machen den Mailverkehr zum Geduldsspiel. „Alles analog“, stöhnt Irmie Bush (56), die daheim in Südafrika sechs Kinder und einen offenbar äußerst toleranten Ehemann hat. Manchmal brauche man drei Stunden, um eine Mail zu senden, beklagt sie. Weil die Frau von Urs nicht ganz so tolerant ist wie der Mann von Irmie, das Rennen eher zähneknirschend genehmigte, hat er sein eigenes Internet-Cafe dabei, so zu sagen. Per Satelitentelefon jagt er die am Laptop verfassten Reiseromane direkt zur einsamen Gattin. „Mit World hat ein Text 60 KB, mit Notpad nur 8 KB. Kostet dann gerade mal zwei Franken pro Bericht“, trumpft Urs. Leider habe das Solaraufladegerät vor ein paar Wochen „abgekackt“, verdammter Klump, verdammter.

Ein paar Sekunden noch bis ins Nirwana. Nur Meter vor dem plötzlich ausgescherten Kleinbus rettet sich Urs mit einen beherzten Bunnyhop Richtung Straßengraben. Das war knapp. Die Autofahrer in Kenia interpretieren die Straßenverkehrsordnung ziemlich unverkrampft. Laut Gesetz sind alle Sammeltaxis auf 80 km/h gedrosselt, weil die Sanitäter mit dem Einsammeln der Verletzten nicht mehr hinterher kamen. Die Tempoeinbuße machen die Fahrer nun mit offensiver Fahrweise wett. Allein deswegen hat sich das Weihwasser schon gelohnt, findet Urs. Denn: Das sei ja noch gar nichts gewesen. „Echt ein Wunder, dass nicht mehr passiert.“ Die schlimmsten Unfälle, sagt er, seien bisher eigentlich durch eigene Blödheit passiert. Dem Kevin aus Amerika sei ein Kind in Äthiopien einfach ins Rad gesprungen. Der hätte ja nun wirklich nicht so draufhalten müssen. Man, hätten die beiden ausgesehen, alles aufgeschürft. Richtig übel habe es aber den Arnold aus Holland erwischt. Letztes Jahr habe der sich am Valentinstag die linke Hüfte gebrochen. Dieses Jahr habe er den Rest der Tour nachholen wollen. Und was sei passiert? Hüftbruch am Valentinstag. Diesmal rechts. Kaum zu glauben.

Menschenmassen. Verkehrschaos. Smogglocke. Reggae-Gekreische. Jeder Ort in Kenia scheint ein einziger Marktplatz. Handel ist oft die einzige Möglichkeit des Broterwerbs. Fabriken gibt es nicht. Urs stoppt, um ein paar Fotos zu knipsen. Etwa zehn macht er bei jeder Etappe. So viel Zeit muss sein. Neben ihm verkauft jemand Klamotten aus Rot-Kreuz-Säcken, der nicht so aussieht, als würde er den Erlös karitativen Zwecken stiften. In der Polster-Werkstatt auf der anderen Straßenseite stopft einer Sofas mit Müll aus. Die mit Adidas-Logo feilgebotenen Sportschuhe am Nebenstand haben vier Streifen – kann ja mal passieren. Urs ist begeistert. Hoffentlich reicht der Speicher-Chip. „Die Jungs da vorne an der Spitze rasen durch die Gegend und bekommen nichts mit. Die sehen von Afrika nur ihren Vorderreifen. Später beißen die sich doch in den Arsch“, schüttelt er den Kopf. Er jedenfalls will sofort eine große Diashow veranstalten, wenn er daheim ist.

Die Sonne brennt mit 36 Grad auf Sagana, als Urs nach 110 Kilometern und 800 Höhenmetern im Etappenziel einrollt. Er klickt aus, lehnt das Rad an den Gepäck-Truck und sagt: „Puh!“ So als hätte er gerade Kohlen geholt. Aber nicht einen Eimer, sondern zwei Briketts. Distanz ist relativ geworden. Während er die Zeltheringe in die Erde rammt, philosophiert er über das Warum und Weshalb der Mördertour. Nein, bereut habe er es noch keinen Moment, auch wenn die Gattin anfangs energisch intervenierte. Das ganze hier sei wie eine Kur von der hektischen Hochleistungsgesellschaft. Anfangs ein Traum. Nun Realität. Und bis zum Lebensende eine gewaltige Erinnerung auf der geistigen Festplatte. In zwei Monaten sei ja alles schon wieder vorbei. 63 Tage noch: aufstehen, bekreuzigen Haferpampe reinwürgen, kurbeln, Zelt aufstellen, mit dem Messer die Zecken aus der Haut pulen, Tagessieger beklatschen, dann hasserfüllt zum Küchenchef Miles gucken, weil es gleich sieben ist, und um sechs eigentlich „Dinner-Time“ – immer das selbe, los jetzt endlich, Miles!

Das Telefon klingelt. Frau Hausermann ist dran, die Gattin von Urs. In der Schweiz sei Aprilwetter, richtig übel, jammert sie. Urs gibt sich mitfühlend: Ja, Aprilwetter sei der Horror. Legt auf und lächelt zufrieden. Dann lieber jeden Morgen Haferpampe.

Noch 63 Tage und 6771 Kilometer

Bilder: Georg Grieshaber

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