Die Schweißnadeln der Bike-Industrie glühen inzwischen in Fernost. Doch eine Reihe heimischer Custom-Schmieden hält dagegen. Ihr Rezept: Extrawürste für eine anspruchsvolle Kundschaft.

Der Imperator ist umzingelt von Friede-Freude-Eierkuchen. Schwippbögen und blinkender Weihnachts-Nippes leuchten den Weg zur blumig verzierten Eingangstür von Reihenhaus Nummer 15. Vorfreude im Vorstadtidyll, üppig portioniert. Nur das Klingelschild trotzt der schwulstigen Atmosphäre: „Devil/Black Imperator“. Wir schrillen, er öffnet: Heiko Hartung (35), weicher Händedruck, sanfte Stimme. „Moin“, ruft der Imperator, „immer rein in die gute Stube.“ Die Schuhe sollen wir anlassen, unten sei sowieso Chaos, einfach hier entlang, die Kellertreppe runter. Die ist steil. Man muss den Kopf einziehen, sonst eckt man an. Unten ein Partyraum, zumindest früher einmal. Dicker Staub ruht auf halbleeren Schnapsflaschen, das letzte Prösterchen scheint ewig her. An der Wand ein Dutzend Bike-Rahmen, in die Wand gemauert ein Terrarium, jetzt Rumpelecke, daneben ein Montageständer. Eine Modelleisenbahn würde noch gut in das Stillleben passen. „Mein Reich“, erklärt Hartung und feixt über unsere erstaunten Gesichter. Die Fertigung sei oben im Gartenhäuschen.

Sägen, feilen, schweißen – es gibt sie tatsächlich noch, die gute alte Heimarbeit. Kleine Custom-Firmen in Garagen, Kellern, Mini-Werkstätten, spezialisiert auf Extrawünsche einer wählerischen Kundschaft. Maß statt Masse, solchen Service muss man inzwischen suchen. Fernost-Fertigung und „Geiz ist geil“-Mentalität haben dem Rahmenbau-Handwerk zugesetzt. Die Späne der weltweiten Bike-Produktion fallen heute fast ausnahmslos in Taiwan und China. Die meisten Branchenriesen kleben nur noch Rahmendekore und pirschen sich so ans optimale Preis/Leistungs-Verhältnis. Trotzdem werkeln zwischen Nordsee und Alpen eine Reihe Custom-Schmieden im Kundenauftrag. Kleine und größere, wirklich große eher selten. Die Konzepte sind unterschiedlich wie die Macher. Nur eines ist immer gleich: Der Kunde ist König. Selbst wenn sich diesem Anspruch das eigene Leben unterordnen muss, wie beim Reihenhaus-Imperator Hartung.

Neonröhren flackern die abendliche Dunkelheit aus dem Gartenhäuschen. Imperator Hartung präsentiert seinen Stolz: eine monströse Spindelpresse zum Rohrebiegen, hundert Jahre alt. „Tja, das ist hier alles noch richtige Handarbeit“, betont Hartung. Vor zehn Jahren fing er an, erst mit Teilen, dann mit Rahmen. Hartung ist gelernter Verkäufer, also Autodidakt. Ans Schweißgerät lässt er deshalb lieber einen Bekannten, der tagsüber am neuen Airbus brutzelt. Der Firmenname Devil kam ihm beim Hören der Iron-Maiden-Platte „Number of the Beast – 666“. „Eine blöde Idee, Teufelsanbetung verkauft sich nicht gut“, weiß Hartung inzwischen. Mit seinen Rahmen hat er trotz ordentlicher Stückzahlen noch keinen einzigen Euro verdient. Im Gegenteil. Extrawürste sind nicht drin. Gerade musste wieder der alte Transit verkauft werden. Für die geplante „Expansion“ auf den amerikanischen Markt hob Hartung unlängst das zweite Label „Black Imperator“ aus der Taufe. Klingt netter, findet er. Doch der Schritt nach Übersee scheiterte am fehlenden Geld für ein Flugticket. Marketing wird vor Ort gemacht. „Für mich ist das hier alles Leidenschaft. Rechnet man den Aufwand in Stundenlohn um, könnte ich auch im Schnellimbiss Buletten braten.“ Warum er seine Rahmen dann nicht billig in Fernost einkauft, wie so viele andere? „Hmm“, brummt der Imperator, stützt das Kinn auf die Hände und denkt sehr, sehr lange nach. „Für mich wäre das irgendwie Hochverrat an unserer Wirtschaft.“

Bistensee, eine Autostunde nördlich von Hamburg. Platter Dialekt, plattes Land. Ausgerechnet hier sitzt eine der bekanntesten deutschen Downhill-Schmieden: Alutech. Der Wachhund ist ein Königspudel und heißt Armageddon. Man muss ihn knuddeln und durchgrabbeln, dann gibt er den Weg in die Werkstatt frei. Dort setzt Herrchen und Chef Jürgen Schlender (44) gerade ein paar Schweißpunkte auf eine „Wildsau“, das Kultmodell von Alutech. Schlender ist Bike-Freak, eigentlich immer schon, wie er sagt. Sein Geld verdiente er aber bis vor ein paar Jahren noch als Autohändler – „Gebrauchtwagen, Im- und Export, weißt schon.“ Als ihm ein Freund von der Bike-Schmiede erzählte, die zum Verkauf stand, grübelte Schlender ein halbes Jahr. Dann schlug er zu. Eine stolze Summe für den Namen Alutech und einen Ordner mit Konstruktionszeichnungen. Keine Werkstatt, keine Maschinen, kein Personal. „Und der Ordner war im Prinzip auch für die Tonne“, lacht Schlender. Egal, er lebt seinen Traum. Darum geht es. Das Beste an seinem Job? „Selbst etwas zu entwickeln und zu bauen. Wenn ich außer Haus produzieren lassen würde, ginge es doch nur um die Knete“, sagt er und klappt die Schweißerbrille wieder runter. Die Wildsau muss auf Trab gebracht werden. Nur einer von knapp 200 Rahmen im Jahr.

Leipzig, Spinnereistraße, eine uralte Fabrikhalle: Die Firma Rotor genießt einen exzellenten Ruf als Custom-Schmiede. Dabei wurde im riesigen Backstein-Ungetüm noch nie ein Rohr an das andere geschweißt, von den wild verlegten Heizungsleitungen mal abgesehen. Es ist kurz nach zehn Uhr. Ein paar morgendliche Sonnenstrahlen quälen sich durch die altersmatte Fensterfront. Nach und nach trudelt die Rotor-Crew ein, alle mit Bikes. Die Kaffeemaschine zickt, deshalb muss eine Motörhead-CD die Müdigkeit aus den Gliedern hämmern. Der Laden ist Emotion pur. Vorne eine selbst gebastelte Bar. Daneben ein Kicker. Überall kultige Retro-Bikes, Wolltrikots, Poster. „Wieso wir Räder machen? Gute Frage“, grübelt Rotor-Macher Jonas Machalett (30) und schiebt seine Baseball-Kappe vor und zurück. „Tja, jeder hat seine eigenen, ganz persönlichen Gründe, warum er Rad fährt. Da kann man den Leuten doch kein Nullachtfünfzehn-Bike andrehen. Nimm nur mal die Farbe. Sowas kann man doch niemandem vorschreiben.“ Seit neun Jahren schrauben Jonas und seine Crew Bikes nach Kundenwünschen zusammen. Getüftelt wird in Leipzig, geschweißt im benachbarten Ausland. Am Anfang konnten die Gründer Jonas Machalett (30), Tobis Laub (29) und Maren Deckert (29) kaum die Hallenmiete zahlen und wechselten in der Spinnerei eine Etage drüber jeden Morgen Spindeln aus. Jetzt werkeln sie zu zwölft.

Von derartiger Personaldichte kann Richard Kluse (38) nur träumen. Richi – gelernter Maschinenbauingenieur, vorübergehender Berufsschullehrer, jetzt Hardcore-Schmied. „Wenn ich Ingenieur bin und gerne Rad fahre, liegt so ein Job doch näher, als zum Beispiel Atomkraftwerke zu bauen, oder nicht?“, erklärt Richi im sachlich trockenen Berufsschullehrer-Ton und federt die Treppen seines vierstöckigen Wohnblocks runter. Die ehemalige Russenkaserne am Rand von Potsdam ist Heim und Firma in einem. Oben wird erfunden, im Kellerkabuff gebrutzelt. Spezialität: moppelige Hardcore-Gestelle für den allergröbsten Einsatz. Werkbank, Fräse, Rahmenlehre, eine zur Sound-Anlage umgebaute Munitionskiste: Das reicht Richi für Großejungs-Romantik und Glücklichsein. Ab 300 Euro gibt es bei ihm einen handgebauten Rahmen. Das ist wenig, eigentlich zu wenig. „Geld ist immer knapp“, sagt der Familienpapa. Seine Brille hat er selbst gebaut – „7020er-Alu, wie die Bikes.“ Handy und Auto besitzt er nicht – „brauch ich auch nicht“. Einen besseren Job kann sich Richi nicht vorstellen. Sein Traum? „Die alte Panzergarage gegenüber als Werkstatt, vielleicht in zehn Jahren. Die ist heller.“ Was noch? „Mehr Maschinen. Sattelrohrausreiben ist die Hölle.“

Fast immer ist es die eigene Leidenschaft, welche die Rahmenbauer antreibt. Die Biker zu Tüftler werden lässt. Die Natur-Freaks in die stickige Werkstatt treibt. Bei Achim Nöll (63) aus Fulda ging das allerdings etwas unglücklich aus. Mit dem Rad bereiste er die Welt – „Polarkreis, Alpen, quer durch die Wallachei.“ Weil es für diese Expeditionen damals kaum geeignete Räder gab, griff er 1981 selbst zum Schweißgerät. Heute zählt seine Schmiede zu den klangvollen Namen der Rahmenbaukunst. Jeder einzelne Rahmen wird dem Kunden angepasst. Neun Stunden dauert allein das Löten eines Nöll-Stahlrahmes. Die Firma läuft, er könnte sich zurücklehnen. Doch das entspricht nicht seiner Natur. Die Sache hat nur einen Haken. „Die Leute kommen rein und lassen sich die Rahmen für ihre Reisen von mir bauen. Seidenstraße, Feuerland, mir bricht es jedes Mal fast das Herz. Für Reisen habe ich einfach keine Zeit“, trauert Nöll. Dann wirft er die Lötflamme an
und hat die Welt um sich herum schon wieder vergessen.

Bilder: Bernd Auers

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