Kaum ein Land ist dünner besiedelt, als Namibia. In der Wüste Namib hat die Natur dem menschlichen Erschließungswahn trotzig standgehalten. Für überbehütete Großstadt-Europäer ist das nicht ohne Tücke.

Einen kurzen Moment lang hält die Frühstückslaune dem Entsetzen stand. Dann verharren drei Camping-Tassen vor drei sperrangelweit offenen Mündern. Schockstarr. Es sind unsere Münder. Es ist kurz vor sechs Uhr morgens. Die Nacht übergibt gerade theatralisch an den Tag, der sich zartrosa ins Restdunkel schneidet. Ein Vorspann, so schien es eben noch. Ein Abspann, so scheint es jetzt. Yvonne gewinnt als erste die Fassung. „Wie jetzt, was jetzt?“, richtet sie die Rückfrage an Tokkie Bombosch (39): „Hier gibt es Löwen?“ Beunruhigt starren wir zu unserem Guide. Merkwürdig entspannt wirkt es, wie er da in seiner Kaffeetasse rührt. Zu entspannt. Vielleicht war es ja nur ein Scherz und Tokkie wird gleich auflachen, weil wir Zivilisations-Softies so schön drauf reingefallen sind. Doch Tokkie lacht nicht, er grinst nicht einmal. „Ja“, sagt er trocken und leckt genüsslich den Löffel ab: „Heute können wir jederzeit Löwen begegnen.“ „Aber das ist doch gefährlich“, hakt Yvonne in einem Ton naiver Empörung nach, wie ihn nur hausratsversicherte Großstadt-Europäer hinbekommen. „Klar ist das gefährlich“, stimmt Tokkie mit ernster Miene zu: „Das sind wilde Tiere, da darf man niemals den Respekt verlieren. Deshalb bleiben wir heute auch alle zusammen.“ Hyänen, so versucht er uns eilig zu beruhigen, seien übrigens viel aggressiver als Löwen. Die Biester würden sich im Kopf ihrer Opfer verbeißen und hätten brachiale Kieferkräfte. Deshalb schlafe er bei Ausflügen in der Wildnis auch immer mit dem Kopf unterm Auto. Löwen, sagt Tokkie, seien schüchtern. Die Beschwichtigung verfehlt leider gänzlich ihre Wirkung. Man könnte es auch Überreaktion nennen. An Frühstück jedenfalls ist nicht mehr zu denken. Gleich werden wir ins Revier der Raubkatzen radeln. Als Brekkies in Lycra!

Namibia, Heimat der wilden Tiere. Endlose, sonnenverwöhnte Weiten, bevölkert von Scharen zwei- und vierbeiniger Exoten: Elefanten, Giraffen, Strauße, das ganze zoologische Sortiment. Genau dieser Aspekt hatte uns auf die Idee mit der Mountainbike-Safari durch Afrika gebracht – mich, meine Freundin Yvonne und Oliver Soulas, guter Bekannter und Berufsfotograf. Tiere wollten wir sehen, möglichst viele, möglichst wilde, möglichst innerhalb der Fotobrennweite. Nur wo? Afrika ist groß. Ein Blick auf den von schwelenden Krisenherden überschatteten Kontinent engte die Auswahl an reizvollen Mountainbike-Gebieten schnell ein. Namibia war perfekt. Das Land im Süd-Westen gilt als sicheres Reiseland, ist politisch stabil und für seinen Tierreichtum bekannt. Dreimal so groß wie Deutschland zählt Namibia gerade mal zwei Millionen Einwohner. Hier hat die Natur dem menschlichen Erschließungswahn trotzig standgehalten, trotz Internet und Globalisierung. Zu lebensfeindlich sind die gewaltigen Wüstenstriche des Landes, in denen Regengüsse zu den größten Naturwundern gehören. Wo kein Mensch ist, hat der Artenreichtum eine Chance. Was anderswo längst ausgerottet ist, lässt sich in Namibia noch ohne Fernglas bestaunen, einen erfahrenen Führer vorausgesetzt. Ein Tipp führte uns zu Tokkie Bombosch. Der Sohn eines nach Namibia ausgewanderten Deutschen lenkt ehrenamtlich den nationalen Radsportverband, ist Inhaber eines Bike-Shops in Windhoek und dem Ruf nach ein mit allen Wassern gewaschener Outdoor-Spezialist. Mannie Heymans, der namibische Marathon-Star und mehrmalige Gewinner der BIKE Transalp, hatte den Kontakt hergestellt. Tokkie schlug eine fünftägige Tour durch die Namib-Wüste im Nord-Westen des Landes vor. Die älteste Wüste der Welt sieht mit ihren roten Sandsteinmassiven aus wie die Kulisse der Marlboro-Werbung, nur ohne dauerquarzende Cowboys. „Leerer Platz“ wird sie von den Einheimischen respektvoll genannt. „Im Umkreis von dreihundert Kilometern gibt es keinen einzigen Ort“, teilte Tokkie gleich in der ersten Mail die geografische Besonderheit mit. Anfang Januar ging es los. Zunächst im Jeep sieben Stunden lang gut geschüttelt über Offroad-Pisten zum Brandberg-Massiv, dem höchsten in Namibia. Von da ab mit den Bikes in einem ausgedehnten Bogen durchs malerische Damara-Land und weiter ins „Safe the Rhino“-Gebiet. Vorbei an Zebras, Affen, Springböcken, Warzenschweinen, Antilopen und vielen anderen Exoten. Kuscheltiere im Vergleich zu dem, was uns nun erwarten soll. Daheim hatten wir noch gejubelt, als uns Tokkie auf möglichen Löwenkontakt einstimmte. Löwen! Wie wunderbar sich das beim Erzählen anhört, eingekuschelt unter der Schmusedecke des Alltags. In der Wildnis allerdings gibt es keinen doppelten Boden. Kein Handy, kein Reiserückhol-Service, nicht mal den ADAC. „Unbedingt zusammenbleiben!“, trichtert uns Tokkie immer wieder ein. Dann steckt er Funkgerät und Schreckschusspistole in die Trikottasche. Man kann ja nie wissen. Es geht los.

Das „Safe the Rhino“-Gebiet ist keiner dieser typischen Naturparks, in denen sich klappmesserbewaffnete Survival-Helden mit „All inclusive“-Komfort verhätscheln lassen – die Hosenbeine abzippbar, die Kodak unterwassertauglich. Die Gesteinswüste ist eine privat finanzierte Schutzzone mit dem doppelten Ausmaß des Saarlands, die den Fortbestand der einst durch Jagd-Tourismus dramatisch dezimierten Nashörner sichern soll. Unberührte, von der Hitze kahl gedörrte Weite, bewachsen nur sporadisch von anspruchslosem Minimalgewächs. Die letzten Regentropfen sind vor über einem Jahr in der verkrusteten Erde versickert. Mittags köchelt die Luft bei 40 Grad. Wir allerdings haben gerade ganz andere Sorgen. Reifen an Reifen kurbeln wir die zahllosen Kurzanstiege hoch, während die Augen paranoid die Gegend scannen. Nur nicht zurückfallen, nur nicht Letzter sein. Löwen, so viel weiß man ja aus arte-Reportagen, bevorzugen stets die Schwächsten der Gruppe. Die Anspannung ist kaum auszuhalten für welche wie uns, die schon vor einem schlecht gelaunten Rauhaardackel erzittern. An diesem Ort hier wird unmissverständlich klar, dass wir keinesfalls an der Spitze der Nahrungspyramide stehen, trotz Innenlagern aus Titan. Es ist ein pures, ein brutales Gefühl. Da! Plötzlich! Tokkie hebt die Hand! „Da drüben!“, flüstert er, winkt den begleitenden Wildhüter heran und zeigt zu einem Busch: „Da liegt was Gerissenes!“ Ich sehe nichts. Doch Tokkies Stimmlage macht klar, dass es sich bei dem „Gerissenen“ garantiert nicht um einen ausgebufften Anlageberater handelt. Während wir versuchen, durch unterdrücken des Atemreflexes unsichtbar zu werden, suchen Tokkie und der Wildhüter fieberhaft den Boden ab. Und werden fündig. „Löwenspuren“, diagnostiziert Tokkie und ist im Gegensatz zu uns extrem erfreut darüber. Ich kann nicht mal Puma- von Reebok-Spuren unterscheiden, doch die Größe des Abdrucks macht Tokkies Aussage hundert Prozent glaubhaft. Ich kann mir nicht helfen: Irgendwie riecht es hier auch ein bisschen wie im Raubtierhaus. Außerdem sind die Freigehege in den Tierparks doch wohl nicht zufällig exakt dieser Steinkulisse hier nachempfunden. „Keine Panik“, sagt Tokkie, den unsere Hysterie sichtlich amüsiert. Gerade mal fünf Tage sind wir auf unserem Trip durch Namibia unterwegs. Mit Begleitfahrzeug, Camping-Küche und einer batteriebetriebenen Kühltruhe voller Muntermacher: kohlenhydrathaltige Softdrinks für die Etappenankünfte, „Windhoek Lager“ für die Sonnenuntergänge und südafrikanischer Cabernet Sauvignon für das Abendessen. Dazu Schwarzwälder Schinken und flambiertaugliche Desserts zur Abrundung der nicht wirklich knallharten Rahmenbedingungen. Die Tagesetappen selbst sind knackig, aber ein Genuss. Durchschnittlich fünf bis sechs Stunden auf rauem Untergrund, mal durch Ebenen, mal über Hügelketten, mal straff bergauf. Ein typisches Bike-Abenteuer und doch ganz anders. Das Fahren durch die Weite führt einem auf jedem einzelnen Kilometer die Distanz vor Augen, die sich in der Heimat zwischen Alltag und Natur breitgemacht hat. Im flächendeckend betonierten Europa, wo man inzwischen ohne Internet gar nicht mehr weiß, welches Wetter draußen ist. Wo man keine Angst vor wilden Tieren mehr kennt, sondern nur die vor der Nebenkostenabrechnung. Und wo das Öffnen einer Ananasbüchse mit dem Leatherman schon als männlich gilt. Afrika ist ein anderer Planet für Europäer und umgekehrt. Jeder Blick in die Landschaft, jeder Kontakt mit Einheimischen macht das überdeutlich. „Tell me about Germany“, bat ein Wildhüter, den wir unterwegs trafen. Tokkie, der unlängst zwei Jahre in Deutschland verbrachte, fasste daraufhin alle wesentlichen Dinge zusammen: „Die haben Röhren in der Erde, in denen Züge fahren.“ „What?“, fragte der Wildhüter und lachte schrill. Woraufhin Tokkie präziser wurde: „Ja, und zu den Röhren führen Treppen, die von selbst fahren. Die sind voller Menschen, die immerzu rufen: Links gehen, rechts stehen.“ „Why that?“, entfuhr es dem fassungslosen Wildhüter. Tja, warum eigentlich? Mit einer schlüssigen Antwort konnten selbst wir nicht dienen. Dafür bietet das Wüstenleben für uns U-Bahn-Fahrer nicht weniger Überraschungen. Zum Beispiel die Schrecksekunde, als ich einen selbst gesammelten Ast übermotiviert ins Lagerfeuer werfen wollte, was Tokkie im letzten Moment zu verhindern wusste. Das Holz war von winzigen Pilzen befallen. Die nächsten Atemzüge wären unsere letzten gewesen. Gut zu wissen. Ein erfahrener Guide ist bei derartigen Ausflügen Pflicht.

Die Sonne glüht ihrem Zenit entgegen, als wir beschließen, die Löwensuche für heute abzubrechen. Elefanten haben wir gesehen, einen Schakal, Unmengen von Springböcken, Strauße, zwei Giraffen und eine Herde Zebras, die vor uns über die Fahrbahn galoppierte. Bis auf ein abgebissenes Stück Antilopen-Popo am Wegesrand ist von Löwen jedoch keine Spur. Traurig ist der europäische Teil der Gruppe darüber nicht. Ganz im Gegenteil. Eine Pulsspitze gibt es aber doch noch. Wir biegen gerade um eine Kurve, als plötzlich ein Nashorn vor uns steht. Nur fünfzehn Meter vor uns knabbert der Koloss an einem Strauch. Nashörner gelten als ziemlich aggressiv und können im Sprint 45 Stundenkilometer schnell werden. Eine prekäre Situation. Aber auch eine höchst seltene. Selbst hier im „Safe the Rhino“-Gebiet sind gerade einmal 150 Exemplare übrig geblieben. Also Rückzug und vorsichtig von hinten angepirscht. Das Nashorn bleibt ruhig. Es ist die „alte Kuh“, wie der Wildhüter erklärt. Eine Nashorn-Oma, die wenig Interesse an Sporteinheiten hat. Ein junges Männchen wäre weniger entspannt. Da stehen wir nun und staunen. Ein großartiger Moment ist das. Vor uns: eines der seltensten Tiere Afrikas. Um uns herum: eine Ouvertüre der Stille – vom Wind gekraulte Büsche, exotisches Zwitschern und die Kaugeräusche der alten Kuh. Das beste aber: kein Löwe weit und breit.

Bilder: Oliver Soulas

© Henri Lesewitz 2008 · Impressum · e-Mail