Bei der Singlespeed-WM in Berlin wurden drei Tage lang alle Regeln außer Kraft gesetzt.
Es gab nur zwei: erstens, keine Schaltung. Zweitens, die Medaille wird tätowiert.


Die Tarnung sitzt. Der Irrsinn kann beginnen. Noch etwas unsicher guckt Florian Eschenbach (26) hinter seiner riesigen Piloten-Sonnenbrille hervor. Jahrelang gehörte Eschenbach zur nationalen Cross-Country-Elite, war Deutscher Vizemeister und Elfter bei der EM. Doch das darf um Himmelswillen keiner mitbekommen. Nicht hier, bei den Welt-Titelkämpfen der Singlespeeder, wo Gemüse, Energieriegel und alkoholfreies Bier auf der Doping-Liste stehen. Wochenlang hat sich Eschenbach auf den Showdown vorbereitet. Hat extra nicht trainiert, die Haare an den Beinen wachsen lassen. Und gestern Nacht bis in die Puppen gefeiert. So wie es das Regelwerk verlangt. „Der Bike-Sport ist so verbissen geworden. Hier wird das mal so richtig schön auf die Schippe genommen“, feixt Eschenbach und rückt die goldenen Brillenbügel zurecht.

Über 300 Fahrer aus 19 Ländern sind angetreten, um im brandenburgischen Provinzkaff Füstenwalde den Weltmeister der wahrscheinlich seltsamsten Mountainbike-Disziplin zu ermitteln. Singlespeed – Radfahren ohne Gangschaltung. „Das einzig gerechte Duell zwischen Mann und Berg“, findet Starter Gunnar Fehlau (31). Treten oder Bremsen. Dazwischen nichts. Keine nervösen Finger, die den Berg einfach wegschalten. „More ears than gears“ – mehr Ohren als Gänge, lacht Organisator Christian Krämer (36), der die Ohren der Meute mit einem riesigen Megafon malträtiert. Krämer wird wegen seiner mächtigen Ausmaße nur „Phaty“ genannt. Er ist der „Big Daddy“ der Szene, nicht nur im körperlichen Sinne. Ende der Neunziger hörte der Saarländer zum ersten Mal von der aufkeimenden Singlespeed-Bewegung in Amerika. „Ich fand das voll krass“, erinnert sich Phaty - „der totale Massochismus.“ War es am Anfang nur eine Hand voll Puristen, so scharte sich schon bald eine fruchtbare Singlespeed-Szene um Phaty. Um die Weltmeisterschaft dieses Jahr nach Berlin zu holen, investierte Phaty über ein Jahr Arbeit, verschickt 1353 Mails, telefonierte wochenlang mit Hinz und Kunz und hatte am Ende schon richtige Albträume, weil alles so groß wurde. Es hat sich gelohnt. Die Freakshow aus allen Teilen der Welt ist angetreten, um den Wahnsinn zu zelebrieren.

Florian Eschenbach dehnt noch einmal die Oberschenkel und ist sichtlich nervös. Wie das Rennen ablaufen wird, weiß er nicht so genau. Eine Stunde, anderthalb? Links rum, rechts rum? Keine Ahnung. Zwar schreit Phaty schon seit Minuten die Rennregeln durch sein Megafon, doch leider in Englisch. Und dazu noch so blechern, als hätte man einen alten Volksempfänger auf Anschlag gestellt. Egal, die zwei wichtigsten Regeln einer Singlespeed-WM sind eh jedem bekannt. Erstens: Die Startnummern werden bei einer feucht-fröhlichen Party am Vorabend um ein Uhr nachts vergeben. Zweitens: Die Sieger-Medaille wird tätowiert.

Plötzlich eine Schießerei. Ein paar Biker im Mavia-Outfit ballern sich mit Spielzeug-Knarren über den Haufen. Kunstblut spritzt. Schreie. Dann noch ein lauter Knall – der Startschuss. Eschenbach rennt wie um sein Leben, denn die Bikes liegen knapp 100 Meter entfernt. Der Le Mans-Start ist feste Tradition bei Singlespeed-Rennen. Beliebter Schabernack der Veranstalter: vor dem Start noch schnell die abgelegten Räder vertauschen. Es dauert Minuten, bis sich das Knäuel aus 300 Bikern aufgelöst hat. Alexander Fiedler (33) fallen in der Hektik fast die Luftballons aus dem BH. Fiedler hat sich als Frau verkleidet und startet für das fränkische Team „6 uff Kraut“. Ambitionen auf den Titel hat er nicht. Dafür umso mehr Bock auf Party. Der Frauen-Imitator fällt in der Faschingsparade kaum auf. Fast alle Wettkämpfer haben sich zur Feier des Tages herausgeputzt. Auffallen ist alles. Kultige Wolltrikots sind das Mindeste. Viele tragen Damenfummel, weil man so in der Frauen-Klasse gewertet wird. Ein Typ in Jamaika-Kluft eifert mit Hanf behangen um den Kurs. Danian Auton (38) aus Australien hat seine schicke weiße Disko-Hose angezogen und – damit der Sound stimmt – ein Autoradio samt zwei 100-Watt-Boxen ans Rad geschraubt. Daraus hämmern AC/DC nun ihre Hymne „Highway to Hell“.

Von außen betrachtet wirkt der Spuk wie Karneval auf LSD. Dabei ist die Weltmeisterschaft viel mehr – sie ist ein Protestmarsch gegen die Ellebogen-Mentalität der Rennszene. Ein sentimentaler Seufzer an die guten alten Zeiten und die Lagerfeuer-Romantik, als es am Morgen vor dem Rennen auch gerne mal Aspirin statt Müsli zum Frühstück gab. „Was wir hier machen ist Provokation gegen die Laktatzähler mit den rasierten Beinen. Das ist Punk. Fertig, aus“, poltert Phaty, während er vergnügt dem Treiben auf der Strecke zuschaut. Früher seien die Rennen noch Szene- Treff gewesen. Da sei es um Spaß gegangen, um Lebensgefühl. Nicht um Geld, Sekunden und Verbandsregelwerke wie heute. Sogar bei den Worldcups konnte man als Normalo noch mitfahren. „Als es dann Mitte der Neunziger nur noch um Kohle, Fullsuspension und Schlag-mich-tot ging, wollten viele den Weg nicht mehr mitgehen. Bei den Singlespeed-Rennen schwitzen wir jetzt noch mal unsere Pubertät aus“, philosophiert Phaty. Nein, Bekloppte seien das hier ganz sicher nicht. Ganz im Gegenteil. Man bräuchte sich ja nur mal die Bikes anzuschauen. Nur Titan, Edelstahl, alles vom Feinsten. Bei der WM im vergangenen Jahr in Australien sei sogar Telekom-Star Cadel Evens am Start gewesen. Dieses Jahr ist Guru Joe Breeze aus Amerika eingeflogen – „das spricht ja wohl für sich.“

Florian Eschenbach kann grad nicht mehr sprechen. Nur noch keuchen. Mit voller Kraft pflügt er sein Bike durch den tiefen Sand der Motocross-Piste. Die Übersetzung von 44:23 reicht gerade aus, um nicht umzufallen. Eschenbach liegt in Führung und kann kaum glauben, was er durch seine Piloten-Brille sieht. Eben hat er einen Typen im rosa Tutu überholt, der mit einer starren Nabe über die Piste rast. Jetzt leuchtet der nackte Schinken eines Engländers vor ihm auf. Der Nudist heißt Shaggy und ist bekannt dafür, dass er am liebsten nur in Socken fährt. Der nackte Wahnsinn. Viel Gegenwehr hat Eschenbach von der Konkurrenz nicht zu erwarten. Für den Großteil ist der Kurs nichts weiter als ein Laufsteg. Viele müssen die Steigungen wegen des tiefen Sandes schieben. Beschwerden an die Rennleitung gibt es keine. Schließlich ist das Rennen mit Abstand das Unwichtigste am ganzen WM-Wochenende, eigentlich nur das Motto der Party. Nur zwei Lizenzfahrer beschweren sich naiv, dass es keine Verpflegungsstation mit Energie-Riegeln gibt. Und meinen das tatsächlich ernst.

Phaty hat viele Singlespeed-Rennen organisiert: die Deutsche Meisterschaft, den „German Beer and Bike Cup“. Doch seit er durch die Organisation der schrägen Weltmeisterschaft ungewollt ins Licht der Öffentlichkeit schlitterte, ist ihm die Singlespeed-Kultur etwas aus den Händen geglitten. Was ursprünglich als Abkehr vom Kommerz gedacht war, zieht plötzlich auch Lizenzfahrer, Industrie und Rennveranstalter an. Sogar die deutsche „Financial Times“ berichtete unlängst in einer großen Story über den schrägen Trend zum Ein-Gang-Fahrrad. „Wir sind hier angetreten, um ein paar Leuten in den Hintern zu treten. Dummerweise haben die das nicht gemerkt und wollen jetzt auch mitspielen“, amüsiert sich Phaty. Als Florian Eschenbach nach anderthalb Stunden als Erster das Ziel erreicht, wird er gefeiert wie ein Held. Zehn Jahre lang hat er gelebt wie ein Profi, verzichtet, seinen Körper geschunden. Er hat Diät gehalten und dem Sport alles untergeordnet – dreißig Stunden, jede Woche. Ausgerechnet jetzt, wo er seine Karriere beendet hat, ist er Weltmeister. Klar, keiner mit UCI-Segen. „Trotzdem“, jubelt er, „ist das ja wohl total lässig.“ Viel Zeit vom Ruhm zu naschen bleibt nicht. Der Tätowierer wartet schon. Ein Leben lang wird er die Medaille auf seinem Arm mit sich herumtragen. Er wird sie sogar eines Tages mit ins Grab nehmen. „Als Erinnerung an das geilste Rennen meines Lebens.“

Bilder: Dietrich Kammer

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