Rasen, campen, abfeiern – bis der Arzt kommt. Der Ruf der Downhill-Szene ist inzwischen wilder als die Realität. Einzige Ausnahme: Tabarz, das älteste Abfahrtsrennen Europas.

Das Schwein ist tot, da nutzt auch die Beatmung mit dem Bike-Prospekt nichts mehr. Doch die Fächerbewegung gilt auch nicht den marinierten Steaks, sondern den Grillbriketts darunter. Die Glut ringt nach Luft und droht zu ersticken. David Schatzki (27) wedelt das Heftchen, als ginge es um sein Leben. Geht es ja irgendwie auch. Denn seit seine Downhill-Karriere vor zwei Jahren zusammen mit allerhand Knochen an einem Sprunghügel zerbrach, hat er den Grillduft vor den Rennen schmerzlich vermisst. Mit Marathon hatte er es zwischenzeitlich mal versucht, weil das „besser für die Knochen“ schien; Nudeln in sich reingestopft, Muskelöl an die Waden geschmiert, sich gequält bis er „komplett im Arsch“ war. „Die Hölle“, sagt David. Jetzt ist er zurück in der Downhill-Szene, im Leben, in Tabarz. Also immer feste wedeln.

Tabarz ist Kult. Tabarz ist Pflicht. Tabarz ist das älteste Downhill-Rennen Europas. Keine andere Veranstaltung verkörpert das Lebensgefühl der Szene so plastisch wie die Hatz vom Inselsberg. Knapp 350 Fahrer sind an diesem Wochenende ins Thüringer Örtchen gereist. Um zu campen, um zu feiern und so schnell wie möglich ins Tal zu rasen. Dabei sind Athleten mit eigenen Betreuern, Typen mit reichlich Bier im Gepäck, aufgeregte Jugendliche mit Fantasie-Frisuren, bezahlte Rennfahrer und zahlende Feierabend-Sportler – Multikulti. Still ist es um den Downhill-Sport geworden, seit das Modewort „Freeride“ in aller Munde ist. Das Fernsehen überträgt kaum noch Abfahrtsrennen. Der Radlerbund BDR zeigt die kalte Schulter. Die Bundesliga liegt auf Eis. Dabei war Downhill mal das Spektakel schlechthin; im Grunde genommen sogar die Wurzel des Bikesports. War? Das Präteritum scheint hier fehl am Platz. Downhill brodelt. Das spürt man an jeder Ecke. Zumindest an diesem Wochenende in Tabarz.

Über der Camping-Wiese hängen dunkle Grillwolken. Ein Klangbrei aus Rammstein und den Toten Hosen quält sich aus den Autoradios. Mitten im Gewühl lümmeln David und seine Clique vom „Zweiradtreff Fritzsche“ auf Klappstühlen. Es gibt Ketchup mit Hüftsteak. Torsten Trautvetter (30), den alle in der Runde nur „Trauti“ nennen, kommt schon seit Jahren nach Tabarz. Schließlich, sagt Trauti, stimme hier einfach alles: die Strecke, die Stimmung und vor allem das Nachtleben. „Die Party hier ist ein extremer Fall“, weiß er aus Erfahrung. Vor zwei Jahren habe er sich „derart die Kante gegeben“, dass er am nächsten Tag fast nicht zum Finale antreten konnte. Bis mittags konnte er sich wegen des Brummschädels kaum rühren, so hatte er „einen im Tee“. Eigentlich sei Tabarz inzwischen das einzige Rennen, wo auch nachts noch so richtig Vollgas gegeben werde. So wie früher eben, als selbst die Worldcup-Stars gerne mal Aspirin statt Müsli frühstückten. Trauti reckt seine Flasche symbolisch in die Luft – Prösterchen! David nickt. „Bei den meisten Rennen ist abends gar nichts mehr los. Du kannst ja auch nur eins, feiern oder schnell fahren. Die Strecken werden immer brutaler, da musst du fit sein.“ Sagt's und verabschiedet sich ins kuschelige Hotelbett, das sein neuer Sponsor in Erwartung eines Pokals für ihn gebucht hat. Morgen ist Quali. Feiern kann David schließlich zu Hause.

Am nächsten Morgen Strecken-Training, oberer Abschnitt: Das fiese Knirschen kam garantiert nicht von dem knorrigen Baum. Schließlich steht der im Gegensatz zum Crash-Piloten noch. Eilig räumen die Sanitäter von Posten 2 den benommenen Fahrer hinter das Absperrband. Nicht, dass noch ein anderer reinkracht. Auf der Downhill-Piste nach Tabarz geht es zu wie auf der Brenner-Autobahn kurz nach Ferienbeginn. Bis 13 Uhr ist freies Training. „Krass, den Typen hat's voll weggeschnippt“, ruft David seinem Team-Kollegen Frank Schneider (26) zu. Vielleicht sollten sie nachher doch lieber die „linke Linie“ nehmen, nicht wie der Typ eben die rechte, empfiehlt Schneidi. Die beiden gehören zu den großen Favoriten des Rennens und besichtigen die Strecke erst einmal zu Fuß. Aufder Suche nach der idealen Fahrlinie muss jede Wurzel, jede Kurve, jeder Baumstumpf einzeln begutachtet werden. Mit über sechzig Sachen werden sie nachher durch die enge Baumgasse rasen. Über rutschige Wurzelfelder, künstliche Sprunghügel und schottrige Steilstücke. Und einen elf Meter großen Monster-Double. Ein Ritt auf Messers Schneide, immer wackelig zwischen Heldensockel und Chirurgie. Volle Pulle halt. „Da darf nichts passieren“, sagt der ehemalige Deutsche Vize-Meister Schneidi, dessen linker Fuß seit dem letzten Sturz mit reichlich Metall zusammengehalten wird. Beim Treten drückt die Titan-Platte unangenehm gegen den Knöchel.

Im Zielgelände ist Orga-Chef Sören Schmidt (29) voll am Anschlag. Der Stress der letzten Wochen hat sein Immunsystem ausgehebelt. Trotz Fieber und Kopfweh hält er nun das riesige Räderwerk am Laufen. Doch das droht ins Stocken zu geraten, denn die „sexy Mitternachtsüberraschung“ ist seit Tagen nicht mehr zu erreichen. Ersatz muss her, doch wo noch schnell zwei Nackedeis auftreiben? Vor Jahren sprangen mal kurzfristig ein paar einheimische Dorfschönheiten ein. „Aber die waren dann bei den älteren Leuten im Ort unten durch“, gibt Sören zu bedenken. Über tausend Gäste werden zur Party erwartet, dem Herzen der ganzen Veranstaltung. „Da muss was gehen“, weiß Sören und tippt noch mal genervt die Nummer der Strip-Agentur ins Handy. Das Rennen ist sein Leben. Trotz des ganzen Stress'. Papa Harald (55) hatte es 1993 ins Leben gerufen, nachdem er sich als Zuschauer beim legendären Worldcup in Kaprun mit dem Downhill-Virus infiziert hatte. Inzwischen ist Tabarz das älteste noch existierende Abfahrtsrennen Europas und genießt sogar „E1“-Status. Damit das so bleibt, opfert sich die ganze Familie auf. „Obwohl das jedes Mal ein riesiger finanzieller Gewaltakt ist“, rechnet Sören vor. Hängen bleibt da nichts. Allein in den Shuttle-Bussen lösen sich an zwei Tagen 2000 Euro in Dieselruß auf.


Die Sonne kuschelt sich an den Inselsberg und dämmert in den Schlaf. Die Quali ist vorbei. Gerade mal 2:15 Minuten brauchte Schneidi für die zwei Kilometer lange Hindernis-Piste. Schnellste Zeit, mörderischer 58er-Schnitt. David, der Dritte, war nur zwei Sekunden langsamer. Ein Atemzug dauert länger. Dem bierseligen Party-Volk, dass sich unten beim Dirtjump für die Nacht in Fahrt kreischt, sind solche Details egal: Eine Punkrock-CD powert und Moderator MC Konrad will „die Tangas fliegen sehen“. Doch die haben die Zuschauer erst mal gestrichen voll, weil sich einer der Flugkünstler bei seinem „Trickfeuerwerk“ spektakulär ins Reich der Schmerzen geschossen hat. Jetzt liegt er da wie verdroschen. Mitmachen kann jeder, der ein Rad und eine gewisse Portion Lebensverachtung besitzt. Mehr haben die wenigsten. Konrad kündigt einen „Backflip-Versuch“ an. Schon die Formulierung nimmt den Ausgang vorweg. Genauso gut hätte der Hobby-Stuntman auch aus dem zehnten Stock eines Hochhauses springen können. Volle Pulle eben, Partytime!

Kurz vor Mitternacht übernimmt der DJ auf der Hauptbühne das Ruder. Gedrängel. Geproste. Getorkel. Das Bier läuft schneller in die Kehlen als aus der Zapfanlage. Sadam braucht Nachschub und wird langsam ungeduldig. Er trägt immer noch die Schienbeinschoner von der Quali. Und natürlich sein Markenzeichen, ein Schottenröckchen. Die Karo-Schürze ist Protest gegen die Sittenwächter vom BDR, die ihn wegen „Verstoß gegen die Kleiderordnung“ neulich disqualifizierten. „Beim Downhill, das muss man sich mal vorstellen! Das gab es früher nicht. Verdammte Verbands-Fuzzies!“, poltert er. Morgen will Sadam, wie er sich selbst nennt, mit Rock und nacktem Arsch durchs Ziel fahren. „Die werden gucken.“ Vorher leckt er der „sexy Mitternacht s überraschung“ aber noch rasch die Bodylotion von den Schenkeln – die Feuchtigkeitscreme sieht der sonst üblichen Sprühsahne zum Verwechseln ähnlich. Egal. Einer muss ja das Lebensgefühl retten, wenn sich das halbe Teilnehmerfeld schon strebermäßig in die Hotelbetten verkrochen hat. Auch wenn's bitter schmeckt: „Slip, Slip, hurra!“

Nächster Tag, Sonntag, das Finale. Trotz Dauerregen stehen etliche Zuschauer an der Strecke. Die meisten quetschen sich zwischen Sani-Posten 9 und 10 in den engen Wald. Dort, wo die meisten Autoreifen die Bäume polstern und das Absperrband am häufigsten geflickt ist, ist die beste Stelle zum Fotografieren. Aalglatte Wurzeln winden sich über die Strecke, schmierig wie Seifenlauge. Die
Nerven der Natur liegen blank, da kann der Untergrund schon mal zickig reagieren. Das Zusammentreffen von Plastikrüstungen und Baumrinde klingt immer ein bisschen wie platzende Bombontüten. Meist rappeln sich die gestürzten Fahrer aber wieder auf, Schutzkleidung sei dank. Nico Schatzki zuckt jedesmal zusammen, wenn ein Crash-Pilot neben ihm einschlägt. Der Bruder von Mit-Favorit David trägt sein linken Arm seit dem Rennen vergangener Woche in Gips – ein komplizierter Schultergelenkbruch. Gerade hat er sich direkt aus dem Krankenhaus hier an die Strecke fahren lassen. „Ist schon Wahnsinn, wie die hier entlangfeuern.“ Ob er künftig noch Rennen fahren kann, wird sich Nico wohl gut überlegen müssen. Sein Chef ist von seinem Hobby nicht so begeistert. Jetzt müssen die Kollegen sechs Wochen für ihn mitschuften. „Heutzutage muss man ja froh sein, überhaupt einen Job zu haben. Hoffentlich kommt David gut runter.“

Und wie der runterkommt. Der Moderator hat den Deutschen Dauer-Meister Marcus Klausmann (29) gerade als „Downhill-Titan“ im Ziel begrüßt. Nun rauscht David durch die Lichtschranke, reißt sich die verschlammte Brille vom Kopf und starrt nervös auf die gelbe Zahlenkolonne neben der Zeitmessung. 2:25 Minuten, vier Sekunden langsamer als der Titan. Trotzdem ballt David die Hand zur Freudenfaust. Platz zwei, 30 Punkte für die Weltrangliste und 667 Euro fürs Portemonnaie. Bloß gut, dass er es nach der Verletzungspause noch mal probiert hat. Nächstes Jahr wird er wieder nach Tabarz kommen, um kräftig Downhill-Luft zu schnuppern. Diesen einzigartigen Duft-Cocktail aus Schlamm, Schweiß und Grillbriketts. Genug Geld für marinierte Schweinehüftsteaks hat David ja jetzt.

Bilder: Oliver Soulas

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