Sein erstes Bike raste zum WM-Titel. Das nächste entfachte den Dirt-Boom. Sein neuestes Projekt soll die Bike-Zukunft in eine neue Richtung lenken. Hat dieser Karlheinz Nicolai denn vor gar nichts Respekt?

Ein bisschen mehr Rambazamba hätte man schon erwartet. Bunte Haare vielleicht. Wilde Klamotten. Oder wenigstens tätowierte Arme. Kalles Arme sind nicht tätowiert. Sie stecken in blaukarierten Hemdsärmeln. Kalle hat das Hemd in den Bund seiner schwarzen Jeans gestopft. Am Bauch spannt es ein wenig. Das ist er also: Karlheinz Nicolai. Der Mann, der mit seinen Rahmen seit Jahren Bike-Geschichte schreibt. Der das Interesse der Lifestyle-Magazine weckt. Der von einer riesigen Fangemeinde vergöttert wird. Kalle eben, der Kult-Schweißer.

Kalle (35) sitzt auf einem Bürostuhl an einem riesigen Schreibtisch. Der Bildschirmschoner seines Computers sprenkelt bunte Pünktchen auf die Mattscheibe. Kalle redet. Es geht um Revolutionen. Und weil das schwer zu erklären ist, malt er schließlich ein großes „N“ auf ein Blatt Papier. Denn genau das, findet Kalle, ist Revolution. „Man kann ein Bike ständig weiterentwickeln. Die Evolutionskurve geht dabei ständig bergan. Dann kommt der Punkt, an dem es einfach nicht mehr weitergeht. Ende der Fahnenstange. Man kann nur noch alles über den Haufen werfen. Revolution eben. Man beginnt mit einem völlig neuen Konzept wieder bei Null. Dann setzt die Evolution ein und es geht stetig bergan. Diesmal wegen des besseren Ansatzes aber weiter als vorher. Das ist das, wofür ich jeden Morgen um sieben Uhr aufstehe.“ Klingt einleuchtend. „N“ wie „Revolution“. Oder besser: wie „Nicolai“.

Mit seinem „Nucleon“-Rahmen hat Kalle gerade mal wieder eine Revolution angefacht. Ein Rahmen, der sich den bisherigen Standards komplett verweigert. Die Schaltung sitzt in einer Alu-Box zentral im Rahmen. So kann die Kette nicht mehr springen, der Schlamm nicht mehr die Schaltung verkrusten. Weil der erste Prototyp vor drei Jahren viel schwerer war als ein normaler Rahmen, war er für Kalle nicht mehr als der Beginn der Revolution. Der Nullpunkt. Inzwischen hat die Evolution eingesetzt. In zehn Jahren, da ist er sich sicher, wird der Rahmen leichter, wartungsärmer und bedienerfreundlicher sein als alle anderen Produkte am Markt. Spätestens dann wird es Zeit für eine neue Revolution.

Die revolutionäre Zelle befindet sich in einem alten Bauernhof in Lübrechtsen. Autobahn A7 bis Bad Gandersheim, weiter auf der B3 Richtung Bruckensen, in Brüninghausen rechts und dann noch drei Kilometer geradeaus. „Ländlich“, könnte man sagen. „Am Arsch der Welt“, könnte man denken. Kalle hat den Bauernhof vor sechs Jahren gekauft. „Headquarter“, wird das Anwesen firmenintern genannt. Die Nachfrage nach seinen Rahmen hatte ihn innerhalb weniger Jahre fast überrollt. Er musste raus aus der engen Doppelgarage der Eltern, wo die unglaubliche Nicolai-Erfolgsgeschichte 1995 begonnen hatte – die amerikanische Downhill-Göre Leigh Donovan raste mit ihrem „Trombone“ zum Weltmeistertitel. Mit Kalles erster eigenen Bike-Konstruktion. Plötzlich wollten alle dieses Bike haben. Heute baut Kalle zusammen mit zehn Angestellten über 1500 Rahmen im Jahr.

Es ist ein trüber Wintertag. Ein Tiefdruckgebiet schiebt schwere graue Wolken über den Bauernhof in Lübrechtsen. Kalle ist im Stress. Ein Schweißer hat sich krank gemeldet – Grippe. Ein anderer ist mit dem Auto gegen einen Baum gekracht und liegt verschrammt im Krankenhaus. Heute muss Kalle Feuerwehr spielen, wie er sagt. Einspringen, wo er gebraucht wird: e-Mails checken, den Umlenkhebel der neuen Downhill-Maschine „M-Pire“ berechnen, die Unterlagen für den Steuerberater zusammensuchen, ein paar Hinterbauten schweißen und zwischendrin mit Sohn Ole Kuchen essen. Der feiert heute seinen zweiten Geburtstag. Doch zuerst kommt der morgendliche Kontrollgang, wie jeden Tag vor dem Frühstück.

Unten in der Werkstatt herrscht höllischer Lärm. Druckluft schmatzt, Kompressoren hämmern, Fräsen beißen sich schrill durch Metall. Der alte Kuhstall ist vollgestellt mit Maschinen. Überall Tonnen für die Metallspäne. Mittendrin eine riesige Fräse, die ausssieht wie eine überdimensionale Telefonzelle. An der „Brother TC-32 A“ steht Mathias Boegens (30), den hier alle nur „Matti“ nennen. Er spannt Alu-Platten ein, drückt einen roten Knopf und holt Minuten später das fertige Teil aus der Maschine. Die komplizierte CNC-Fräse ist das Herz der gesamten Nicolai-Fertigung. Zwei Tage dauert es, um den Roboter mit den Daten für ein einziges Frästeil zu speisen. 278 Programme hat Kalle schon geschrieben. So viel CNC-Teile sind nötig, um daraus die Nicolai-Flotte zu puzzeln. „Allein diese Maschine kostet mich 2500 Euro im Monat. 72 Monate lang muss ich abzahlen. Aber nur so kann ich unabhängig arbeiten“, schreit Kalle gegen den Lärm der „Brother“ an. Abhängig ist Nicolai eigentlich nur noch vom Materiallieferanten. In den Gebäuden nebenan befinden sich eine eigene Schweißerei, die Lackieranlage, die Rahmen-Montage und der Versand. Oben wird erfunden, der Schriftkram erledigt und Rahmen-Aufkleber gestanzt. Das hauseigene Renn-Team testet Prototypen, gibt Feedback und sorgt gleichzeitig für die PR. Ein eigener Planet Nicolai.

In der Szene gilt Kalle als Kult-Schweißer. Dabei sitzt er kaum noch am Schweißgerät. „Ich habe ja nicht sechs Jahre Maschinenbau studiert, um dann bis zur Rente zu schweißen“, sagt Kalle, während er Praktikant Robin über die Schulter schaut. Der versucht gerade, ein neues Frästeil am Computer zu berechnen. Kalle murmelt ein paar Worte in einer unverständlichen Ingenieurs-Geheimsprache. Eine Zahlenverknüpfung soll aufgelöst werden, oder so ähnlich. Kalle ist weit mehr als ein Schweißer. Er ist Diplom-Ingenieur. Konstrukteur. Und vor allem: ein Visionär. 1991 absolvierte Kalle ein Praktikum beim kalifornischen Fahrwerksspezialisten AMP – einer Firma für Motorrad-Entwicklungen. Als AMP den Auftrag von Specialized für ein vollgefedertes Mountainbike bekam, zeichnete Praktikant Nicolai die Skizzen für das erste „FSR“. Damals kamen gerade die ersten Federgabeln auf den Markt. 1993 zeigte Nicolai auf der Messe in Köln eine vollhydraulische Scheibenbremse. Die Szene lachte ihn aus. 1995 baute er für Mongoose seine Vision von einem Downhill-Bike. Leigh Donovan wurde damit ein paar Monate später Weltmeisterin. 1998 präsentierte er mit dem „BMXTB“ einen neuartigen Zwitter aus BMX-Rad und Mountainbike. Heute sind Dirtbikes der große Renner. Und 2000 schockte er die Konkurrenz mit dem „Saturn“, einem Fully-Rahmen mit weniger als zwei Kilo Gewicht. Im vergangenen Jahr baute er die Radaufhängung für das Ein-Liter-Auto von VW. Und jetzt das Getriebe-Bike. Zeit zum Biken bleibt da kaum noch. Aber das ist o.k. für ihn: „Ich habe schon als Kind lieber die Eisenbahn aufgebaut, als sie fahren zu lassen“, sagt Kalle. Als Revolutionsführer muss man eben auch Prioritäten setzen.

Kalle ist es wichtig, sich nicht in der Sucht nach Rekorden zu verrennen. Geld ist zweitrangig. Sagt er zumindest. Was zählt, ist Lebensqualität. Spätestens um 20 Uhr ist Feierabend. Egal wie viel zu tun ist. Die Familie kommt an erster Stelle. Am Wochenende zum Beispiel will er sich mit den Kindern Ole und Mia (4) den Kinofilm „Findet Nemo“ anschauen. Mindestens einmal im Jahr geht’s gemeinsam in den Urlaub. Am liebsten auf die Nordsee-Insel Amrum. „Wenn ich da am Meer spazieren gehe, kommen mir die besten Einfälle. Da ist der Kopf richtig frei.“ Kalle kann nicht verstehen, warum viele Bike-Entwickler die vielen Schwachpunkte am Mountainbike ignorieren. Das Schaltwerk zum Beispiel. Ein sperriges Teil, das schmutzempfindlich vom Rahmen absteht. Die vielen über das ganze Rad verteilten Teile wie Umwerfer, Bremsen, ein Wirrwar aus Bowden-Zügen und Schläuchen. „Man gewöhnt sich viel zu schnell an etwas. Beim Auto zum Beispiel würde es doch keiner akzeptieren, dass, man im vierten Gang an die Ampel rollt, und dann nicht mehr schalten kann. Beim Bike stört das scheinbar niemanden“, grübelt Kalle, während er rüber in die Lackiererei geht.

„Mich interessiert es nicht, was jetzt gerade am Markt erfolgreich ist. Ich setze mich hin, löse mich von dem Bestehenden und versuche einfach, die logischste Lösung für ein Problem zu finden.“ Kalle schiebt die schwere Eisentür der Lackiererei zur Seite. Ohrenbetäubender Krach dringt nach außen. Lackierer Christian Stollberg (21) trägt wegen des unerträglichen Kompressor-Lärms riesige Kopfhörer. Damit er die neue Limp-Bizkit-CD trotzdem hören kann, hat er den Gettoblaster voll aufgedreht. Kalle dreht die Sound-Maschine routiniert leiser. Er scheint das öfter zu machen. Kalle muss ein paar Rahmen signieren, bevor sie mit Klarlack überzogen werden. Eine Sonderserie zur Begrüßung von neuen Nicolai-Händlern. Das Vertriebsnetz von Nicolai umspannt inzwischen die ganze Welt. Auf dem Hof warten sechs verpackte Rahmen auf den Versand nach Korea. Japan, Russland, Amerika und weitere Länder haben einen eigenen Nicolai-Importeur. Selbst in Singapur fahren seine Räder. Vom Praktikanten zur weltweit operierenden Bike-Firma – es scheint wie ein Märchen. Kalle kann es manchmal selbst kaum glauben. „Mein Motto ist: Gib jeden Tag dein Bestes. Der Rest ist Schicksal. Was mit uns künftig passiert, werden die Kunden entschieden.“

Kalle sitzt wieder auf dem Bürostuhl an seinem großen Schreibtisch. Er krempelt die blau-karierten Hemdsärmel hoch. Dann tippt er Zahlenkolonnen in den Computer, telefoniert wegen einer neuen, leichten Magnesium-Legierung und malt Skizzen auf ein Blatt Papier. Er muss der Evolution jetzt mal gerade in den Hintern treten.

Bilder: Oliver Soulas


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