In der Mobilen Tradition bei BMW dreht eine junge Meisterin den Schraubenschlüssel:
Sabine Breuer hat ihre Geschicklichkeit vom Vater geerbt.


Sie wuchtet das schwere Rolltor zur Seite, federt die Auffahrt runter und zieht die rechte Hand zackig wie einen Colt aus der Hosentasche. „Hallo, ich bin Sabine.“ Da steht sie also, dezent geschminkt und von einem blumigen Parfümwölkchen umhüllt. Sabine Breuer. „Miss Goldfinger“, die einen Motor bis auf die kleinste Schraube zerlegen – und wieder zusammenbauen kann. Die bei den Oldtimer-Treffen das automobile Kulturgut von BMW umsorgt. Die mit 26 Jahren schon den Meisterbrief in der Tasche hat. Sie kennt die Vorurteile, die mit ihrem Talent einhergehen. „Viele sind ganz überrascht, wenn sie mich sehen. Dem Klischee entsprechend denken die meisten, ich hätte die Statur und das Auftreten eines Mannes“, sagt sie und lacht.

Für Sabine Breuer ist die Schrauberei nichts Ungewöhnliches. „Schon als Kind habe ich gerne mit Matchbox-Autos gespielt“, erklärt sie und bittet zum Frühstück in die Werkstatt ihres Vaters. Dorthin, wo sie den größten Teil ihres Lebens verbracht hat. Es ist noch früh am Morgen. Die Herbstsonne lugt schüchtern über die A9, die sich rechts vom „Zweirad und Oldtimer Service Breuer“ am fränkischen Lanzendorf vorbeischlängelt. Aus der Halle dringt scheppernder Lärm. Ein Blech muss in Form gebracht werden. Deshalb schwingt Klaus Breuer energisch den Hammer. Als die Tochter mit ihrem Besuch die Werkstatt betritt, scheint die Arbeit vergessen. Herr Breuer lässt das Werkzeug fallen, schüttelt die Hände zur Begrüßung, stellt Kaffeetassen und Gebäck auf die Werkbank, wirbelt aufgeregt umher und entschuldigt sich „tausendmal für das Chaos hier“. Herr Breuer ist ein freundlicher Mann in den besten Jahren. Ein Kumpeltyp. Einer, dessen ganzer Körper vor Vergnügen vibriert, wenn er Storys aus seiner geliebten Oldie-Szene zum Besten gibt. Gerade ist er von einer Fotoproduktion an der Côte d’Azur zurück, für die er als Experte für klassische BMW Motorräder von einem Magazin gebucht wurde. Eigentlich hat er jetzt die Isetta eines Bekannten auf seinem Plan, sie braucht dringend frisches Öl. Und ein R 12-Gespann von 1937 soll in sechs Tagen fertig restauriert sein. Doch der Kaffeeplausch mit der Tochter hat natürlich Vorrang. Seit Sabine Breuer bei BMW in Diensten steht, sind die zweisamen Momente selten geworden. Früher verbrachten Vater und Tochter beinahe jeden Tag zusammen in der familieneigenen Werkstatt. Heute arbeitet Sabine in der Mobilen Tradition bei BMW in München. Am Wochenende sind ihre Mechanikerkünste immer öfter bei Oldtimer-Veranstaltungen gefragt. Da bleibt nur noch wenig Zeit für die Familie. Doch selbst wenn sie mal von Freitag bis Sonntag auf Heimaturlaub ist, zieht es Sabine in die Werkstatt des Vaters. Leidenschaft kennt kein Wochenende.



Die Geschichte von „Miss Goldfinger“ ist alles andere als typisch. Doch sie musste so kommen. Sie begann, lange bevor Sabine überhaupt das Licht der Welt erblickte – mit der Schrauberleidenschaft des Vaters. Er hat sie ihr vererbt, buchstäblich in die Wiege gelegt. „Papa hat mich im Beiwagen zu Oldtimer-Treffen mitgenommen, da hatte ich noch Windeln an. Ich kenne das gar nicht anders“, erzählt sie und schneidet sachkundig die Sachertorte an, die die Mutter gerade in die Werkstatt gebracht hat. Herr Breuer holt weit aus, als er die Geschichte seiner Tochter erzählt. Auch mit den Armen. Er malt Bilder in die Luft, fuchtelt, hält aufgeregt Fotos hoch, als könne er so die Zeit für einen Moment zurückdrehen. Denn ein Stück weit ist die Geschichte von Sabine ja auch seine Geschichte. Sie fing an, weiß Herr Breuer noch ganz genau, als er bei der Bundeswehr in die Abteilung Instandhaltung versetzt wurde. Dort habe er sich die Kunst des Schraubens angeeignet, und zwar in Eigenregie – „schweißen, drehen, reparieren, alles autodidaktisch“. Besonders alte BMW Motorräder hatten es ihm angetan. Zweizylindermodelle wie die bullige R 50/5, die Maschinen der sechziger und siebziger Jahre. „Das war die wilde Zeit der Chopper – Peter Fonda, Easy Rider, Sissy-Bar, fürchterlich schrille Lackierungen, Sie wissen schon. Und ich knatterte mit solch einer aufgemotzten R 26 in den Urlaub und blieb damit liegen“, erinnert sich Herr Breuer an den Moment, an dem er die Nase voll hatte von Frickeleien. „Original sind BMW Motorräder einfach am besten“, sagt er überzeugt. Inzwischen restauriert Klaus Breuer seit knapp 30 Jahren BMW Motorräder – er ist eine Institution auf diesem Gebiet. Klar, dass der Zündfunke da auch auf Sabine überspringen musste.

Der kernige Sound einer R 80 GS Basic grollt durch die ländliche Stille. Der Kuchen ist verspeist, die Kaffeekanne geleert. Herr Breuer muss „mal weitermachen“. Sabine will derweil mit ihrem Liebling eine Runde durchs Dorf drehen. Vor ein paar Jahren hat sie die weißblaue Maschine, Baujahr 1996, selbst restauriert. Doch irgendwie läuft sie nicht richtig rund. Die Ursachenforschung ist für die Kfz-Meisterin Routine: Kerzenstecker ziehen, Zündkerzen gegen das Licht halten, hier drehen, dort drehen, die Ohren spitzen, in die Maschine reinhören – oft erkennt sie die Ursache schon am Geräusch.„Wahrscheinlich der alte Sprit. Die Maschine stand über ein Jahr. Ich hatte ja keine Zeit zum Fahren, wegen der Meisterprüfung“, schreit Sabine gegen den blubbernden Motorenlärm an und braust davon. Nein, den ADAC hat sie noch nie gebraucht.Noch nicht mal, als sie vor einigen Wochen mit dem Auto eine Panne hatte. Schließlich trägt sie den Beinamen „Miss Goldfinger“ nicht umsonst. Von hinten rechts hörte sie ein knirschendes Geräusch. Also fuhr sie auf den Standstreifen, baute das Hinterrad ab und überprüfte das Radlager. „Wenn ich so was anderen Frauen erzähle, dann sind die immer ganz verblüfft. Die würden nie auf die Idee kommen, beim Auto an irgendeiner Schraube zu drehen“, sagt Sabine, bockt die R 80 zurück auf den Ständer und schiebt hinterher: „Die meisten Männer wahrscheinlich auch nicht.“

Das Geheimnis ihrer Fingerfertigkeit liegt wohl in der selbstverständlichen Art, wie sie technische Probleme schon als Kind löste. Als Sabine das erste Mal ihr Fahrrad reparierte und ihrem Kettcar ein Dach verpasste, wackelten noch die Milchzähne. Nie hat sie darüber nachgedacht, ob Schrauben Jungs- oder Mädchensache ist. Sie hat es einfach getan. Aus Spaß. Später verbrachte sie selbst die Ferien am liebsten in der Werkstatt des Vaters. Feilte, schraubte, polierte und fand das unendlich viel spannender als Gummihopsen und das Papa-Mama-Kind-Puppen-Theater. So lernte sie den Beruf des Mechanikers von der Pike auf. Später, in der Berufsschule, verblüffte Sabine mit ihren komplexen Kenntnissen. „Ich konnte Zylinder vermessen und den Unterbrecher einstellen. Die Jungs in der Klasse wussten noch nicht mal, was das ist“, feixt Sabine. Sie war das einzige Mädel unter den Azubis. Dabei hatte sie ursprünglich einen ganz anderen Berufswunsch: Hippotherapeutin – Heilen durch Reitübungen. „Ich habe seit fünfzehn Jahren ein eigenes Pferd und wollte auch beruflich gerne mit Pferden zu tun haben. Leider fand ich keinen Ausbildungsplatz“, erläutert Sabine. Schließlich heuerte sie als Azubi in der Werkstatt des Vaters an und lebt seitdem den Traum eines jeden Autoenthusiasten.

München, Schleißheimer Straße: In der Mobilen Tradition hütet BMW sein zwei- und vierrädriges Kulturgut – Hunderte Automobile und Motorräder aus 82 Jahren Firmengeschichte. Die einzigartige Historische Werkstatt ist seit einem Berufspraktikum der Arbeitsplatz von Sabine Breuer. Sie schnupperte rein, verfiel dem Charme der Klassiker und durfte bleiben. Heute arbeitet sie auf freier Basis, pflegt die Fahrzeugflotte und reist im Serviceteam zu Oldtimer-Rallyes und Messen. Der riesige Lastenaufzug rattert in den zweiten Stock. Der Ausstieg durch die Metalltür in die „heiligen Hallen“ verursacht auch heute noch mächtig Herzklopfen bei der jungen Frau. Das zweite Obergeschoss ist bis in den letzten Winkel voll gestellt mit sämtlichen je in Serie produzierten BMW Fahrzeugen – Automobilen wie Motorrädern. Das Licht der riesigen Fensterfronten funkelt auf polierten Lacken und Chromteilen. Die Fahrzeuge selbst spiegeln sich im Fußboden, der so sauber ist, dass die Schuhsohlen quietschen. Über allem hängt ein dezenter Duftcocktail aus Öl, Politur und Bohnerwachs. Hinten rechts parkt der grüne BMW 501, Baujahr 1956, aus der Fernsehserie Isar 12, direkt daneben der vierzig Jahre jüngere „Fünfer“ vom Großstadtrevier. Rundherum zahlreiche Schmuckstücke wie BMW 2002, Coupés wie der 3.0 CSi und Raritäten der Vorkriegszeit. Ganz vorne: der Dienstwagen von James Bond, ein BMW Z3 aus dem 007-Streifen Goldeneye. Die Fahrzeuge rotieren zu Messen, Ausstellungen, Fotoproduktionen, Rallyes. Sabine bereitet sie zusammen mit ihren Kollegen vor und hegt sie oft auch während der Termine. Fünfmal schon war sie auf der legendärsten aller Oldtimer-Veranstaltungen unterwegs – der 1600 Kilometer langen Mille Miglia durch Italien. Ein Traumjob? „Miss Goldfinger“ lächelt und schweigt. Dumme Frage!

Auch das Faible für klassische Fahrzeuge reifte unter den Neonstrahlern der väterlichen Firma. Sabine wuchs in einer Oldtimer-Werkstatt auf. Also entwickelte sich im Laufe der Zeit eine leidenschaftliche Beziehung zu der alten Technik, die nicht nur Wissen, sondern auch handwerkliches Geschick erfordert. „Bei modernen Autos werden ja im Prinzip nur noch Fehler ausgelesen und die defekten Bauteile ausgetauscht. Bei Oldtimern dagegen wird noch richtig repariert“, erklärt Sabine den Reiz. Als sie noch während des BMW-Praktikums bei der Mille Miglia eingesetzt wurde, konnte sie es kaum fassen. Den ganzen Tag rollte sie mit dem Serviceauto im Tross der Edel-Oldtimer mit. Abends wurde die Technik ihres „Schützlings“ gewartet, früh der Morgentau von der sündteuren Karosse gestreichelt. Zeit zum Schlafen blieb da kaum. Trotzdem gelingt es ihr bis heute nicht, die erlebten Emotionen in Worte zu packen.Welche Träume sie noch hat? Da schreitet sie durch den spiegelblanken Gang zielgerichtet auf einen 507 Roadster von 1959 zu. Eines von nur 251 gebauten Exemplaren – in Sammlerkreisen ein hoch begehrtes Juwel. Behutsam öffnet Sabine die Fahrertür, lässt sich in die schweren Ledersitze sinken und streicht zärtlich über den filigranen Lenkradkranz. „Den werde ich mir wahrscheinlich nie leisten können. Aber man kann doch Träume haben, oder?“ Dann steckt sie ihre goldenen Finger zurück in die Hosentasche, geht zum Aufzug und wirft dem 507 einen letzten schmachtenden Blick für heute zu. Unten in der Werkstatt wartet noch Arbeit. Schwarz verschmiert sind „Miss Goldfinger“ ihre Hände schließlich am liebsten.

Bilder: Urban Zintel


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