Gustav-Adolf Schur war der Superheld des DDR-Radsports. Der Sozialismus ist mausetot, doch die Popularität von „Täve" ist auch ein halbes Jahrhundert nach seinem letzten Rennen ungebrochen. Im Februar feiert Deutschlands politischster Radfahrer seinen 80. Geburtstag

Als alle Superlative aufgebraucht waren, als er mit allen denkbaren Ehrungen überschüttet war, benannte man einen Himmelskörper nach ihm: „Täve", ein Asteroid. Mehr Symbolsprache geht nicht. Ein Radsportheld, der selbst ein halbes Jahrhundert nach seinem letzten Rennen überirdisch über allem kreist. Mythenhaft. Unsterblich.

„Mensch, ich habe gedacht, die haben einen an der Glocke! Ein Asteroid! Ich habe mich gleich sachkundig gemacht: Kann das Ding runterfallen? Nachher kracht der Schur noch jemandem auf den Kopf, Mensch!"

Täve Schur will kein Held sein. Er steht in grauen Filzpantoffeln vor seinem grauen Spitzdachhaus an einer holperigen Kopfsteinpflasterstraße, an der die Zeit hartnäckiger zu haften scheint als am Rest von Heyrothsberge. Nachwendeautos umparken Vorwendehäuser. Eine Straße, erstarrt im Zwischenstadium von DDR und Bundesrepublik. Selten sieht Ostdeutschland noch so ostdeutsch aus. „Mensch, komm erst mal rein. Ist doch schweinekalt hier draußen!", sagt Schur und lässt kumpelhaft die Hand auf die Besucherschulter krachen. Menschliche Distanz war noch nie sein Ding.

Rein ins Wohnzimmer, wo der Filterkaffee schon in den Tassen dampft. Vier stapelbare Kunststoffstühle stehen um einen Tisch, auf dem Kunstseerosen die Gemütlichkeit verstärken. Die Schrankwand ist von 1962, die darin gestapelten Olympiafotobände reichen thematisch bis 1988, also bis kurz vor der Wende. Gattin Renate flitzt mit dem Milchkännchen heran. Die Stehlampe hat Schur vorsorglich neben den Reporterstuhl geschoben, damit das Licht optimal ist für die Notizen. Der Umgang mit den Medien ist Routine. Vor drei Tagen war ein Filmteam da. Der MDR hat ihn zur Sendung „Riverboat" eingeladen. Schurs Kalender ist randvoll.

Das Interesse an Täve Schur, dem populärsten Sportler der DDR-Geschichte, reißt nicht ab. Die Medaillen sind ein Grund. Der nahende 80. Geburtstag ein weiterer. Doch das allein reicht nicht aus als Erklärung. Es geht um mehr. Es geht um deutsch-deutsche Geschichte. Oder zumindest um teilsdeutsche. So ganz genau lässt sich das nicht sagen. Es ist ein bisschen kompliziert.

Schur fuhr Rennen in einer Zeit, als die Welt noch nach Hollywood-Schema funktionierte. Gut und Böse. Sozialismus und Kapitalismus. Wer der Gute und wer der Schlechte war, kam auf den Blickwinkel an. Schur war der Gute. Aus DDR-Sicht. Er besiegte als Radsport-Supermann die Fahrer des Westens, die im Denken des SED-Staats Ausbeutung, Profitgier und Hochrüstung symbolisierten. Sportsiege waren das Rückenmark des sozialistischen Wir-Gefühls. „Täve!, Täve!", hallten die Sprechchöre über die Renn strecken. „Täve!, Täve!", das war ein Schlachtruf für Frieden, Sozialismus, Vaterland.

Die DDR ist seit Jahrzehnten mausetot, doch Schur ist immer ihr politischer Nahkämpfer geblieben. Als SED-Funktionär stimmte er gegen den Einigungsvertrag. Für die PDS saß er im Bundestag. Für Schur funktioniert die Welt immer noch nach Gut und Böse. Das macht ihn so beliebt. Und gleichzeitig so umstritten.

„Mensch, die vielen Milliarden!", sagt Schur, und seine Augen blitzen angriffslustig hinter der Metallrahmenbrille hervor: „Eine Milliarde sind aufgestapelt in Hundert-Euro-Scheinen ein ganzer Kilometer. Da verpulvern die Milliarden für Banken, Mensch! Und für Turnhallen ist kein Geld da!"

Die Geschichte von Täve beginnt in jenem Örtchen vor den Toren Magdeburgs, in dem er noch heute lebt. Gustav-Adolf Schur kam am 23. Februar 1931 auf die Welt. Der Vater arbeitete als Tankwart. Die Mutter war Hausfrau. Schur, dessen Vorname Gustav-Adolf bald auf Täve abgekürzt wurde, wuchs mit vier Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen auf. Als er vierzehn war, kam der Krieg nach Heyrothsberge. „Wir saßen im Splittergraben und hatten Riesenangst. Überall schlugen Bomben ein. Ich habe eine schlimme Zeit erlebt. Das war prägend", sagt Schur und nippt am Kaffee.

Nach Kriegsende begann Schur eine Ausbildung zum Maschinenmechaniker im Nachbarort. Die sechs Kilometer Anfahrtsweg, die er dabei mit einem altersmürben Tourenrad abstrampelte, wurden zum täglichen Rennen gegen den Linienbus. Bei einem Rennen in Wolmirstedt gewann er seine erste Papierschleife in der Tourenrad-Klasse. Der Aufstieg in die Liga der Rennradfahrer jedoch scheiterte zunächst am Material. Die Lage im geteilten Deutschland hatte sich zugespitzt. Während der aufblühende Westen eine eigene Währung einführte, ging die Kaufkraft der Ostmark in die Knie. Es war diese Ungleichheit, die Schur heute als Grund für die Radikalisierung seines politischen Denkens nennt. Es ging damals noch nicht um kilometerhohe verpulverte Hundert-Euro-Stapel. Es ging nur um Schaltungen, Reifen, Sättel. Aber es hat ihn vollgepumpt mit Wut.

„Mensch, ich wollte einen Rennlenker haben. In Westberlin gab es so ein Ding für 22 Westmark, aber wegen des Umtauschkurses musste ich 122 Ostmark zahlen. Das war wahnsinnig viel Geld, Mensch. Ich verdiente damals als Lehrling 30 Mark im Monat. Als dann die Mauer gebaut wurde, habe ich das begrüßt. Der Laden musste dicht gemacht werden. Sonst hätten die uns mit ihrem Westgeld doch alles weg gekauft." Die Weltsicht von Schur begann sich zu verengen. Gut und böse. Ost und West. Es ging vielen so, in jenen Tagen.

Der Aufstieg zum Sporthelden begann lange vor dem Mauerbau, im Frühjahr 1951, mit dem Sieg beim Traditionsrennen „Rund um Berlin". Bis dahin hatte Schur niemand gekannt. Diesen jungen Burschen mit den seltsamen Kniestrümpfen. Der sich auf den letzten Kilometern auswringen konnte wie einen Schwamm. Im Mai des folgenden Jahres startete Schur bereits im DDR-Aufgebot bei der Friedensfahrt. Das Etappenrennen, nach dem Krieg die größte Amateurrundfahrt der Welt, wurde in langen, schweren Teilstücken ausgefahren. Zunächst zwischen Warschau und Prag. Später mit einem Bogen über Berlin. Das Rennen verursachte eine Masseneuphorie, wie man sie heute höchstens von Rockkonzerten oder Fußball-Länderspielen kennt. Schur gelang 1955 als erstem DDR-Fahrer der Gesamtsieg. Eine Eruption des Jubels pulsierte durch das Land. Die Parteiführung zerrte sich den Radstar an die Brust. Frauen schickten Heiratsanträge. Kinder spielten Friedensfahrt. Arbeiter mauerten ihrem Helden in unbezahlten Stunden ein Haus.

Der Westen hatte Elvis. Der Osten hatte Täve.

„Dieses Haus bleibt einer der Gründe, warum ich mein Leben lang an der Seite derer bleiben werde, die unser Land aufbauten", schrieb Schur in seiner Biographie.

Der Radsport wurde zum Klassenkampf. Schur war überzeugt, die Probleme im Land lösen zu können, wenn er nur fest genug in die Pedale trat. Probleme gab es reichlich. Die DDR war politisch isoliert. Tausende flüchteten täglich in den Westen. Die Wirtschaft siechte vor sich hin. Doch Schur ochste auf dem Rennrad. Für die DDR. Für den Sozialismus. Für den Frieden. Er war der erste Amateur-Weltmeister, der zur Verteidigung des Regenbogentrikots antrat, da bis dahin alle Titelträger ins Profilager gewechselt waren. Er holte mit der Mannschaft olympisches Silber und Bronze. Er siegte zweimal bei WM und Friedensfahrt. Am Ende musste er noch nicht einmal mehr gewinnen, um gottgleiche Verehrung zu erfahren. Als Schur bei der WM 1960 vor heimischem Publikum den greifbaren Sieg zugunsten des Mannschaftskollegen Bernhard Eckstein opferte, war sein Platz auf dem Heldensockel endgültig zementiert. Ein Denkmal der Hingabe und Opferbereitschaft, geschmiedet in der Reibungshitze des Kalten Krieges.

Der Fall der Mauer war ein Sichelschnitt durch das Herz von Schur. Das Experiment Sozialismus war gescheitert, die DDR zu einem abgewirtschafteten Menschengehege verkommen. „Mensch, da hatten wir so viel aufgebaut mit dem Sozialismus. Und dann wollen plötzlich alle Bananen fressen!"

Es ist ein Satz zum Zusammenzucken. Doch Schur meint ihn so, wie er ihn sagt. Die Arme sind wie Stoßstangen vor der Brust verschränkt. Die Augen ruhen lauernd auf dem Gegenüber. Doch hinter seiner hohen Stirn tobt ein Sturm. Und dann feuert er die Worte in den Raum. Harte, laute Worte. Schur steigert sich in einen Redefluss, dem man kaum folgen kann. Gedanken nehmen lange Umwege, prallen aufeinander, zerfasern in tausend Nebenstränge. Von gierigen Banken ist die Rede. Vom Raub des Volkseigentums. Vom Putsch in Ecuador. Von Verschwörungen, Geheimdiensten. Plötzlich geht es um die Hell's Angels.

Gattin Renate bringt frischen Kaffee und Marzipanstolle. „Die Stolle ist nicht von uns, die ist aus dem Westen. Die haben das ja nicht so raus", entschuldigt sie sich. „Mensch, Reni, was erzählst du denn da?", knurrt Schur. Dann lächelt er milde. Selbst das Kuchenessen wird politisiert.

Schur hat keine Lust, seine Worte zu wattieren. Und so lief dem PDS-Kapitän Gregor Gysi dann auch hin und wieder der kalte Schweiß den Rücken herunter, als „Super-Ossi Täve" (Zitat Lothar Bisky) 1998 für seine Partei in den Wahlkampf zog. Im Bundestag stritt Schur dann erbittert für bessere Turnhallen. Er kämpfte gegen den Niedergang der Friedensfahrt. Er kämpfte für mehr Schulsport. Er kämpft und kämpft; presst seine Wut zwischen Buchdeckel und breitet sie vor Publikum in Mehrzweckhallen aus. Es macht ihn wahnsinnig, dass in diesem Land kilometerhoch die Hundert-Euro-Stapel in den Himmel wachsen, gleichzeitig aber die Turnhallen verfallen. Um fit zu bleiben für den Kampf, trainiert er seine Muskeln an der Wasserleitung im Keller und spult am Wochenende Kilometer ab. „Sport ist doch so wichtig, Mensch!", sagt Schur.

Aus dem Nebenzimmer holt er die Reproduktion eines Ölgemäldes; das Original hängt im Museum. Das Bild zeigt Täve, den Radsport_Supermann, mit einer Schar Jungpioniere.

„Mensch, da habe ich ja riesige Löffel. Die glühen richtig!", feixt Schur und stellt das Bild ins Licht der Wohnzimmerlampe. Die Weltmeisterstreifen leuchten mit dem Rot der Ohren um die Wette. Es ist dieses Bild, das in den Köpfen der Menschen die Jahrzehnte überdauert hat. Und selbst wenn es irgendwann verblassen sollte: Es gibt ja noch den Asteroiden.

Fotos: Johanna Rübel


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