Schauspieler Hannes Jaenicke setzt sich mit beeindruckenden Dokumentarfilmen für die Rettung der Erde ein. Die Welt umkrempeln will er aber nicht.

Der Tag schält sich noch träge aus dem Morgennebel, da hat Hannes Jaenicke (49) schon wieder ein klitzekleines bisschen die Welt gerettet. Die Kaffeemaschine gurgelt mit Öko-Strom. Der Orangensaft stammt aus kontrollierter Herstellung. Und selbstverständlich ist auch der Brotaufstrich bio, logisch.

„Es sind die kleinen Dinge, die zählen", sagt Hannes Jaenicke und lässt sich in einen tiefen Polstersessel fallen. Die Fensterfront rechts neben ihm gibt den Blick frei auf den Ammersee. Estrichglatt schlummert das Gewässer. In der Ferne ist das gegenüber liegende Ufer zu erkennen. Ein Gemälde, einhundert Prozent Natur. Der Blick von Jaenicke schwenkt die Kulisse ab. Ein seliges Lächeln arbeitet sich auf seine Lippen. „Viele sagen: Was kann ich als einzelner schon tun, um etwas zur Rettung der Welt beizutragen?", nimmt er den Gesprächsfaden wieder auf: „Das ist einfacher als man denkt. Würden alle Deutschen keine Geräte im Standby-Modus laufen lassen, könnte man jedes Jahr ein Atomkraftwerk vom Netz nehmen." Die Stimme von Jaenicke hat Druck. Man kann sagen: Der Planet Erde ist seine Herzensangelegenheit.

Es ist Dienstag, ein grauer Wintertag. Ein paar Stunden noch, dann wird Jaenicke in München den „Diva Award 2010" entgegen nehmen. Der Preis zählt zu den renommiertesten der internationalen Unterhaltungsbranche. Mario Adorf wird da sein und auch Ex-007-Darsteller Roger Moore hat sein Kommen angekündigt. Jaenicke wird die Trophäe in der Kategorie „Earth" entgegen nehmen, in der Kategorie für herausragendes Umwelt-Engagement. Eine Ehrung für die Dokumentar-Reihe „Im Einsatz für: Haie, Orang Utans und Eisbären." Mit der Serie gelang Jaenicke eine aufrüttelnde Bestandsaufnahme bedrohter Tierarten, wie sie im Fernsehen bisher selten zu sehen war. Die Dreharbeiten waren schonungslos und oft gefährlich.

In Costa Rica wagte sich Jaenicke in den Untergrund der Hai-Mafia. In Borneo deckte er den kriminellen Handel mit Orang Utans auf. In der Antarktis filmte er den schmelzenden Lebensraum der Eisbären, bis sein Körper in der Eiseskälte selbst an die Belastungsgrenze stieß.

„Ich konnte vor der Kamera kaum noch die Lippen bewegen. aber wenn Du einen Eisbären siehst, der einfach auf das offene Meer hinausschwimmt, weil er nicht ahnen kann, dass die nächsten Eisschollen vierzig Kilometer entfernt sind, dann treibt einen das an", sagt Jaenicke. Der Bestseller „Die Letzten ihrer Art" von Douglas Adams hatte ihn einst auf die Idee gebracht. Zwanzig Jahre vergingen bis zur Umsetzung des Projekts. Heute vermitteln die Filme das Gefühl, dass es inzwischen um jede Sekunde geht. Der Planet braucht Hilfe und die Zeit wird langsam knapp, das ist die Botschaft von Jaenicke. Doch er hat noch eine andere Botschaft: Um die Welt zu retten, muss niemand in einem Baumhaus wohnen und auf Luxus verzichten.

Charakterrollen in Kinofilmen, TV-Serien und Tatort-Folgen haben Jaenicke bekannt gemacht. Er gehört zu den erfolgreichsten deutschen Schauspielern. Er ist, wie man so schön sagt, prominent. Was immer er tut, steht am nächsten Tag in der Zeitung. Jaenicke weiß um die Macht der Fernsehbilder. Deshalb hat er sich bei seinem Dokumentar-Projekt bis in den Gefahrenbereich gewagt. Deshalb hat er jeden Satz mit Wucht befüllt, bevor er ihn ins Mikrofon sprach. 45 Sendeminuten sind ein Wimpernzucken in der Evolutionsgeschichte. Da muss die Botschaft sitzen. „Der Hai gilt als Menschenfresser, doch jedes Jahr werden mehr New Yorker von New Yorkern gebissen, als Menschen von Haien", räumt er mit gängigen Klischees auf. Er will keine Bilder produzieren, sondern Wissen. Ausgerechnet die größte Rolle seines Lebens hat mit Schauspielerei nichts zu tun. Was ist er? Ein Träumer, ein Öko-Freak, ein Moralapostel?

„Nichts von allem. Ich lebe so, wie die meisten anderen Menschen auch. Ich fliege zuviel mit dem Flugzeug. Ich fahre Auto. Ich liebe Motorräder", sagt Jaenicke und blickt genussvoll in die Augen seines Gegenübers. Er lässt die Worte nachklingen. Der Widerspruch ist ihm bewusst. Autofahren? Motorrad? Ausgerechnet er, der seine Anziehsachen nach dem Waschen konsequent in der Zimmerluft trocknen lässt, die selbst im Winter nur minimal von Heizungswärme angehaucht ist?

Jaenicke lächelt. Es gehe nicht darum, die Welt umzukrempeln, löst er den scheinbaren Widerspruch auf. Es gehe darum, mit Energie so bewusst wie möglich umzugehen. Effizienz, sagt er, heiße das Zauberwort.

„BMW hat inzwischen einen Dieselmotor mit nur vier Litern Verbrauch im Programm. Da sieht man, welches Potential alleine in der Entwicklung von Technologien steckt."

Und dann beginnt er von seiner Motorrad-Leidenschaft zu erzählen. Wie er für das ZDF mit einer BWM durch Alaska gefahren ist. Wie er einmal die Westküste Afrikas bereiste, das Teilstück Mauretanien, Senegal, Guinea, Ghana mit dem Motorrad. Wie er an der Seite von Til Schweiger den Motorrad-Polizisten in „Knockin' on Heaven's Door" spielte. Wie er im Sommer vergangenen Jahres im BMW-Werk Berlin die einmillionste Maschine mit ABS vom Band rollte. Und wie er begonnen hat, sein eigenes Motorrad immer öfter als Alltagsfahrzeug zu benutzen, weil es wendiger ist als ein Auto und dazu noch ein aufregender Pulsbeschleuniger. „Ich bin kein Sonntagsfahrer", sagt Jaenicke.

Aus Anlass der Fußball-WM in Südafrika wollte er in diesem Jahr eigentlich von Kairo nach Kapstadt fahren. Das Motorrad war ausgesucht, die Route bereits grob geplant. Doch aus verschiedenen Gründen kam das Projekt dann doch nicht zustande. Im Frühjahr wird Jaenicke nun für einige Wochen in die Republik Kongo reisen. Der gierige Abbau des Roherzes Coltan, benötigt für die Herstellung von Handys und Computern, gefährdet den Lebensraum der größten, noch existierenden Menschenaffen. „Im Einsatz für Gorillas", soll der vierte Teil der Dokumentations-Reihe heißen.

Es ist Mittag, der Nebel ist verschwunden. In ein paar Stunden wird Jaenicke zur Preis-Verleihung nach München fahren. Ein klitzekleines bisschen wird er auch da wieder die Welt retten. Bekleidet mit einem schicken Hemd. Luftgetrocknet. Bei Zimmertemperatur.

Foto: Carsten Sander


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