Die Brandenburgerin Steffi Marth will als Freeriderin groß rauskommen. Sie hat ein paar Zweifel, ob ihr Traum tatsächlich funktioniert. Im Schatten der Männer haben es Frauen auf der Karriereleiter schwer.

Oktober 2011: Von den Bäumen rieselt Laub, die Saison stirbt kunterbunt dahin. Der Bikepark Bischofsmais gleitet in die Winterpause. Ein paar Mitarbeiter erledigen letzte Aufräumarbeiten, als Steffi Marth (26) ihren metallic-orangenen Kompakt-Skoda auf den Parkplatz neben dem Lift steuert. Auf dem Amaturenbrett funkelt Marths „Glücks-Salamander“. Der Kofferraum ist vollgepackt mit Bikes, Klamotten und Reifen. Marth kommt gerade aus der Schweiz, wo sie sich bei ihrem Sponsor mit Material für die kommende Saison eingedeckt hat. Die Deutsche Meisterin im Fourcross hat große Pläne. Nach drei Jahren Architektur-Studium will sie als Bike-Profi durchstarten. Die Wohnung in Cottbus ist gekündigt. Den Winter wird sie auf La Palma verbringen. „Ich lebe jetzt meinen Traum“, sagt Marth, während sie nach dem perfekten Sprung für das Foto-Shooting sucht. Nicht zu gefährlich, aber optisch so radikal wie möglich. Die Nervosität ist ihr anzusehen. Nach einer Stunde ist eine passende Stelle gefunden.

Welches Problem haben Mädels mit Nervenkitzel?
Wieso, haben Mädels ein Problem damit?

Sieht so aus. Bei der Deutschen Meisterschaft im Downhill waren gerade mal fünf Mädels am Start. Bei den großen Freeride-Events fahren ausschließlich Jungs. Warum eigentlich?
Die Strecken sind einfach brutal. Die Sprünge beim Downhill kann man vielleicht noch irgendwie trainieren. Aber die Tricks bei den Slopestyle-Events sind zu pervers. Das ist so abartig. So weit weg von jeder Vorstellungskraft. Still und heimlich habe ich es mir ja schon oft vorgestellt, bei einem Slopestyle-Contest mitzumachen. Es würde dann aber eher darum gehen, lebend über den Kurs zu kommen. An Tricks wäre dabei überhaupt nicht zu denken. Es geht bestimmt, irgendwie. Aber ehrlich gesagt: Ich bin da nicht sonderlich motiviert, mir das anzutun.

Wenn es Jungs können, dann müsste es doch theoretisch auch für Mädels machbar sein. Also, was ist das Problem?
Das ist einfach zu krass.

Sind Männer mutiger, oder bekloppter?
Bekloppt ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich glaube aber wirklich, dass Männer in manchen Momenten weniger über die Folgen nachdenken. Das haben Wissenschaftler ja auch bewiesen. Frauen denken viel mehr über die Zukunft nach. Sie machen sich mehr Sorgen. Wenn ich da vor so einem riesigen Sprung stehe, dann sehe ich mich da vor meinem geistigen Auge schon mit Genickbruch auf der Trage liegen. Männer können das besser ausschalten. An den Punkt, von einer zehn Meter hohen Holzrampe zu springen, werde ich nie kommen. Ich weiß, dass es theoretisch geht. Aber trotzdem mache ich es nicht.

Das ist wie ein Schwimmer, der Angst vor Wasser hat. Machst Du Dir viele Gedanken über Verletzungen?
Eigentlich nicht. Meine Oma ist ja immer ganz aufgeregt. Die sagt immer: ,Mädel, was Du da machst!“ Aber ich finde, es gibt schlimmere Gefahren. Autofahren zum Beispiel. Wenn da einer frontal in dich reinscheppert, ist alles zu spät. Das macht einen Knall, und dann ist man Brei. Radfahren finde ich gar nicht so gefährlich. Wenn ich auf La Palma bin, dann fahren wir immer die ganze Zeit durch ruppiges Gelände, richtig schwierige Sachen, steil und zum Teil übelst verblockt. Der letzte Kilometer verläuft auf einer Asphaltstraße. Das ist für mich das gefährlichste Stück. Da scheiße ich mir jedes Mal in die Hose. Ich bin dann nur am bremsen. Angst bringt nichts, besonders nicht bei einem Wettkampf. Wenn mir auf einer Strecke nicht wohl ist, dann starte ich lieber erst gar nicht.

Deine bisherige Hauptdisziplin Fourcross ist aus dem Worldcup-Programm geflogen. Als Slopestyle-Fahrerin wärst Du ein Star. Reizt das nicht?
Ich war Top Fünf in der Welt. Klar wäre ich beim Fourcross gerne noch weiter nach vorne gekommen. Über das Worldcup-Aus bin ich aber letztlich gar nicht so traurig. Jetzt habe ich die Möglichkeit, mal wieder was Neues zu probieren. Downhill zum Beispiel. Heimlich habe ich immer schon davon geträumt, beim Worldcup im Finale runterzuheizen. Das ist Wahnsinn, da bekomme ich schon Gänsehaut, wenn ich dran denke. Aber Slopestyle? Nicht wirklich.

Warum nicht? Du wärst konkurrenzlos.
Ja gut, um ein Zeichen zu setzen, könnte ich mir das durchaus mal vorstellen. Einmal versuchen, eine Strecke mit Style abzufahren. Das könnte ich hinbekommen. Aber irgendwelche No-Hand-Purzelbaum-Dingsbums-Tricks, das kann ich vergessen. Einfach nur mitmachen und dabei nicht völlig doof aussehen. Das könnte eine Signalwirkung haben. Ich glaube, da draußen gibt es genug Mädels, die verrückt genug sind, solche geilen Tricks auf die Reihe zu bekommen. Sie müssen sich nur trauen, anzufangen. Man muss sie ermutigen. Das könnte ich erreichen.

Muss man sich als Mädel überhaupt so einen Stress machen? Ausziehen reicht doch oft schon aus.
Ach, jetzt kommt dieses Thema wieder.

Es gibt viele erfolgreiche Bikerinnen, über die nie berichtet wird. Kaum lassen sie sich erotisch fotografieren, sind sie in allen Magazinen. Du selbst hast auch schon die Hüllen fallen lassen.
Ich selbst würde mich nie darum kümmern, nackt fotografieret zu werden. So nach dem Motto: Hey, lieber Fotograf, können wir bitte ein Erotik-Shooting machen? Ich wurde halt gefragt und da habe ich gedacht: Na ja, mal gucken, wie das ist.

Und, wie ist es?
Es hat Spaß gemacht. Der Fotograf hieß Daniel Geiger. Er hat mich direkt von der Deutschen Meisterschaft im BMX in Betzingen abgeholt. Damals bin ich noch gar nicht richtig Mountainbike gefahren. Ich kannte den Cyclepassion-Kalender nicht, um den es ging. Ich kannte den Fotografen nicht. Ich hatte keine Ahnung, was in der Mountainbike-Szene so abgeht. Ich habe es einfach gemacht, weil ich ein paar schöne Bilder von mir haben wollte. Später guckt man sich so was ja vielleicht gerne mal an und denkt: Ah, so knackig hat man also mal ausgesehen. Ich meine, ich selbst schaue mir solche Kalender ja auch gerne an. Ich finde das toll, wie die Frauen geschminkt sind, wie Bilder inszeniert werden. Das hat aus meiner Sicht nichts Abwertendes den Frauen gegenüber. Das ist Kunst.

Ist Aussehen wichtiger als Pokale?
Das kommt drauf an. Beim Cross Country ist Aussehen, glaube ich, völlig egal. Das ist ja olympisch. Da geht es tatsächlich in erster Linie um Medaillen. Bei dem, was ich mache, wird ja eher Lifestyle vermarktet. Es geht vielleicht nicht darum, besonders hübsch zu sein. Es geht aber in jedem Fall darum, eine Marke zu sein. Jemand polarisierendes. Jemand, den die Leute richtig geil finden, oder richtig scheiße. Man muss interessant sein, egal aus welchem Grund. Es ist aber nun wirklich nicht so, dass ich mir da ewige Gedanken drum mache. Ich bin wie ich bin.

Hilft es bei der Sponsorensuche, sich erotisch fotografieren zu lassen?
Es gehört auf keinen Fall dazu. Niemand muss das machen.

Und in Deinem konkreten Fall?
Ob es imagemäßig was gebracht hat, weiß ich nicht. Aber es war definitiv ein Sprungbrett. Der Fotograf hatte mir den Kontakt zu Trek vermittelt. Die wollten ein Mädels-Team gründen. So bin ich ja erst in den ganzen Schlamassel reingerutscht (lacht). Bis dahin bin ich ja nur BMX gefahren. Plötzlich stellt mir Trek diese ganzen Bikes mit Federweg hin. Ich wusste gar nicht, was ich mit denen machen soll. Beim ersten Shooting auf Mallorca war ich total überfordert mit meinem Bike. Ich hatte keinen Schimmer, wie das geht, einen Berg runterzufahren. Doch, ja, man kann es schon so sagen: Durch den Erotik-Kalender bin ich zum Mountainbiken gekommen.

Wie hat die Familie reagiert?
Beim ersten Kalender war alles halb so wild. Beim zweiten Kalender hat der Fotograf einfach ein Bild veröffentlicht, ohne es mit mir abzustimmen. Das Motiv war etwas gewagter, um es mal so zu formulieren. Ich weiß gar nicht, wie da die Lokalpresse wieder rangekommen war. Jedenfalls war das Bild bei uns groß auf der Titelseite. Ich dachte: Oh Scheiße, jetzt bin ich enterbt! Mein Opa, der damals noch gelebt hat, nahm es zum Glück mit Humor. Er sagte: „Also im Seitenprofil siehst Du ja fast so aus wie ich.“ Nee, die fanden es eigentlich alle ganz gut.

Warum gibt es keine Erotik-Kalender mit Bikern? Sehen Männer Frauen im Zusammenhang mit Fahrrädern anders, als das umgekehrt der Fall ist?
Ja, komisch. Man müsste mal einen Aufruf starten. Wir wollen einen Boy-Kalender!

Was siehst Du, wenn Du in den Spiegel schaust?
Oh je, ich selbst finde mein Aussehen eigentlich gar nicht super. Ich denke immer: Mensch, du musst mehr Krafttraining machen! Ich bin nie zufrieden mit mir. Das ist aber nicht schlecht. Wenn man zufrieden ist, dann treibt einen nichts mehr an. Dann ist man am Ende.

Weihnachten 2011: Steffi Marth hat ihren La-Palma-Aufenthalt unterbrochen, um mit der Familie Weihnachten zu feiern. Wir sind in ihrem Heimatort Plessa in Südbrandenburg verabredet. 3000 Einwohner. Teppichbodenland, Straußenfarm, Gewerbeacker, Erlebnis-Kraftwerk. Ein Ort, erstarrt im Wandel. Vieles ist neu. Das Kulturhaus zerfällt langsam zu Staub. „Marth Bauelemente“, steht am Spitzdachhaus. Knäckebrotgrauer Rauputz. Original DDR. „Schuhe ruhig anlassen, Mutti macht sauber“, begrüßt Marth, an den Füßen Birkenstock-Sandalen. Gegenüber der Küche befindet sich ihr „Kinderzimmer“. Der Glasschrank ist voll mit Siegerfotos, Pokalen, Miniatur-Fahrrädern, Teilnehmerausweisen. An der Wand gerahmte Zeitungsartikel: „Der große Traum heißt Olympia in Peking“. Oder: „Steffi Marth– BMX-Fahrerin ist Exotin an der Sportschule.“ Den riesigen BMX-Fahrer über ihrem Metallgitterbett hat sie selbst an die Wand gepinselt. „Das Zimmer ist mein kleines Mausoleum“, grinst Marth. Dann serviert sie Filter-Kaffee und selbst gebackene Kekse.

Ist BMX nicht ein Jungssport?
Finde ich gar nicht. Ich habe früher alles mal probiert. Ich war im Turnverein, bei den Tanzmäusen. Dann kegeln, reiten, alles. Später hängen geblieben beim Handball. Drei Jahre lang. Richtig Leistungssport. In der Liga. Als ich zwölf war, wurde in Plessa eine BMX-Strecke eröffnet. Und wenn hier im Ort was neu ist, dann kommt man da automatisch hin. Alle meine besten Freundinnen sind BMX gefahren. Wir waren der BMX-Verein mit den meisten Mädels in Deutschland.

Was hat Dich an BMX gereizt?
Es ging da mehr ums Zusammensein. Manchmal haben wir einfach nur Verstecken gespielt. Die BMX-Strecke war ein riesiger Spielplatz. Natürlich sind wir auch Rennen gefahren, sogar gegen die Jungs, aber das hat immer Spaß gemacht.

Bei BMX-Rennen geht es wenig zimperlich zur Sache.
Stimmt schon, aber Handball zum Beispiel ist wesentlich krasser. Da ist das Aggressionspotenzial viel höher als bei jeder anderen Sportart, die als typisch männlich gilt. Das ist nur kloppen. Fand ich aber schön. Ich glaube, ich war schon immer ein bisschen aggressiv (lacht).

Du warst erfolgreiche BMX-Fahrerin, bist dann aber plötzlich zum Mountainbiken gewechselt. Warum?
Na ja, beim BMX war ich ja nie wirklich erfolgreich. Da habe ich letztlich immer einen auf den Deckel bekommen. Das war ja das Problem. Ich bin zwar vorne mitgefahren. Aber es war immer eine besser. Ich bin übelst oft Zweite geworden.

Warum ist es so wichtig, zu gewinnen?
So habe ich mit BMX angefangen. Ich wollte die Beste sein. In Deutschland, klar, da habe ich oft gewonnen. International aber war das ganz bitter. Das war wirklich zum Heulen. Ich hatte es nie geschafft, mich für das Finale zu qualifizieren. Immer nur Vorläufe – und weg! Und wenn man dann bis nach Frankreich fährt, nach Holland, oder wohin auch immer … nee, das ist nicht schön.

Dabei wurdest Du als Olympia-Hoffnung für Peking gehandelt.
Über meinen Sportarzt bin ich irgendwann zur Sportschule nach Cottbus gekommen. Die wollten unbedingt eine Olympia-Starterin, und da haben sie mich eben hingeholt. Ich war die einzige BMX-Fahrerin und musste mit den Bahn-Sprintern trainieren. Ich bin voll ins kalte Wasser geschmissen worden. Einfach zack, jetzt bist du Leistungssportler. Wir haben sechs Tage pro Woche trainiert, drei bis fünf Stunden täglich. Kniebeugen mit 110 Kilo. Radeinheiten. Das ganze Programm. Meine Oberschenkel sind so dick geworden, dass ich in keine Jeans mehr gepasst habe. Ich bin besser geworden. Aber leider nicht gut genug. Ich glaube, ich war für BMX nicht talentiert genug.

Biken liegt Dir mehr?
Beim Mitteldeutschen Dual Cup in Reinsdorf bin ich zum ersten Mal bei einem Fourcross-Rennen gestartet. Mit einem BMX-Cruiser und Starrgabel. Ich habe mit krassem Abstand gewonnen und hinterher gedacht: Cool, das ist ja einfach! Seit dem habe ich jedes Rennen in Deutschland gewonnen. Jedes, jedes, jedes. Da merkte ich, dass BMX und dieser ganze Stress gar nicht sein muss.

Die Konkurrenz ist nicht besonders groß. Vielleicht auch deshalb, weil man vom Biken kaum leben kann?
Es ist schon schwer, damit Geld zu verdienen, gerade als Mädel. Aufkleber wollen dir alle auf den Helm kleben. Aber wenn man Geld dafür haben will, stößt man schnell an Grenzen. Finanziell hat sich der Sport bisher für mich jedenfalls nicht gelohnt. Das war bisher immer nur ein Über-Wasser-Halten. Ich versuche jetzt, davon zu leben. Es wird einem aber auch auf den Kopf zugesagt: Als Mädel verdient man in dem Sport kein Geld. Man macht das für ’n Appel und ’n Ei.

Woran liegt das? Die Resonanz auf ein einziges Kalender-Bild ist doch größer als auf jede Medaille.
Keine Ahnung, man bekommt das halt gesagt. Vielleicht muss man auch anders rangehen. Einfach nicht lockerlassen. Ich weiß nicht, wie hoch mein Marktwert ist. Keine Ahnung. Ich bin doch noch voll das Jungtier in dem Sport. Weswegen ich jetzt auch eine Sportvermarkterin in München mit diesem Thema beauftragt hatte. Im End-effekt ist da nichts rausgekommen. Komisch nur: Männer verdienen ja auch Geld mit Biken. Amir (Kabbani / Anm. d. Red.) hat mal alle Stories über sich hochgerechnet, die in einem Jahr über ihn veröffentlicht worden. Er ist da auf einen Werbewert von etwa 200 000 Euro gekommen. Zum Schluss hat er das seinen Sponsoren präsentiert, nach dem Motto: Da müssen wir hinkommen. Klar, so funktioniert es. Aber ich will halt auch nicht dastehen wie so ein blöder Kapitalist.


Was ist so toll am Leben als Bike-Profi?
Die Freiheit. Draußen sein und sich bewegen. Ich studiere ja nebenbei noch Architektur. Unlängst hatte ich ein Praktikum in einem Büro. Meine Güte, war das stumpf. Ich kann nicht so lange sitzen. Mir ging es da richtig schlecht, körperlich.

Das ist alles?
Die Reaktionen sind natürlich toll. Mir schreiben Leute aus der ganzen Welt. Aus Kolumbien, Chile, Kanada. Mädels schreiben, dass sie wegen mir mit dem Biken angefangen haben. In Cottbus wollen sie jetzt die Wand einer Turnhalle mit einem Bild von mir besprühen. 52 Quadratmeter. Als Vorbild für die Schüler. Wahnsinn. Alles nur, weil ich einen Traum habe und jeden Tag dafür ranklotze.

Hast Du eigentlich einen Freund?
Ja, wir haben uns letzten Winter auf La Palma kennen gelernt. Er hat dort mit Kumpels eine Bike-Station, in der ich gearbeitet habe.

Chef verführt blutjunge Angestellte, die klassische Geschichte?
So ungefähr (lacht).

Fotos: Henri Lesewitz


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